2009 hielt der britisch-amerikanische Buchautor und Unternehmensberater Simon Sinek einen TED-Talk, der ihn über Nacht zum Superstar machte: „Start with the why!“
Worum ging es? Was hat er da erzählt?

Sinek startet mit der simplen Frage, warum einige Unternehmen besser oder einfach anders sind als die Konkurrenz. Wodurch ist ein Unternehmen etwas Besonderes? Was haben Unternehmen wie Apple oder Menschen wie Martin Luther King, was andere nicht haben? Wie entsteht Charisma? Wie entsteht Zugkraft?
Sinek geht an eine Flipchart und malt drei konzentrische Kreise auf. Why. How. What.
Sinek beginnt beim äußeren Kreis, dem „What“:
Was macht ein Unternehmen? Das „What“ ist das Produkt, das, was das Unternehmen herstellt.
Dann folgt im mittleren Kreis das „How“:
Wie macht ein Unternehmen das, was es macht? Das „Wie“ ist die Struktur des Unternehmens, die Regeln, die Gepflogenheiten, die Dinge, die dafür sorgen, dass das Produkt so hergestellt wird, wie es hergestellt wird.
Dann kommt schließlich der innere Kreis, das „Why“:
Das „Warum“ ist der Grund, warum es ein Unternehmen gibt. Dieses „Warum“, so Sinek warnend, das kennen nur die wenigsten. Aber genau an dieser Stelle entscheidet sich, ob ein Unternehmen oder eine Organisation nicht nur irgendwie vor sich hin funktioniert, sondern auch Zugkraft entwickelt. Warum tut man das, was man tut?

Wenn man dieses „Warum“ kennt, dann entsteht Inspiration, dann entsteht etwas, das überspringt. Wenn man dieses „Warum“ nicht kennt, entsteht nichts und das spürt man – sowohl selbst als auch die anderen.
Sinek verweist auf Apple. Apple sagt nicht: „Wir bauen die besten Computer, sie sind einfach zu bedienen. Greifen Sie zu!“
Sondern Apple sagt: „Alles, was wir tun, tun wir, um die Welt zu verändern. Das machen wir, indem unsere Produkte schön und einfach designt sind, damit jeder spürt, etwas Großes zu haben. Wollen Sie zugreifen?“
Inspirierende Kommunikation beginnt beim Why! Apple erklärt, warum es da ist, was die Vision ist. Und geht dann erst zum Produkt. Die Vision packt zu und man kauft das Produkt, um an dieser Vision teilzuhaben. So arbeitet das „Warum“. Gute Unternehmen kennen und pflegen ihr „Warum“.
Das ist mühsam und anstrengend und liegt nicht sofort nahe. Wenn Unternehmen merken, dass etwas nicht stimmt, schauen die meisten zuerst auf das Produkt. Passt das Produkt? Wenn nicht, müssen wir die Strukturen ändern? Und weiter kommen die meisten Unternehmen gar nicht.
Sinek wird mit der eigentlich simplen These berühmt, indem er sagt: Dreht das um! Ihr müsst von der anderen Seite ran, von innen nach außen! Startet mit dem „Warum“, mit dem Sinn! Der Sinn macht das Produkt, nicht das Produkt den Sinn!
Das Warum des Liberalismus
Nun ist dieser Talk von Sinek nicht nur für Unternehmen interessant, sondern auch für Parteien und politische Bewegungen. Auch für diese geht es darum, die Menschen für das zu begeistern, was man macht. Auch für sie geht es darum, Zugkraft und Charisma zu entwickeln. Auch für sie geht es um den Sinn: Warum gibt es uns?
Das ist nicht nur Marketing, nicht nur bessere Außendarstellung und nicht nur besserer Produktverkauf. Sinek weist völlig zu Recht darauf hin, dass jede Art von Organisation eigentlich nicht von dem lebt, was es verkauft, sondern von der Vision, die es hat. Durch die man dann die Produkte herstellt, die gekauft werden. Aber das ist erst der zweite Schritt. Erst einmal geht es darum, in der eigenen Organisation und in der eigenen Partei einen Sinn zu entdecken und dem eigenen „Warum“ nachzuspüren.

Die spontane Reaktion ist bei Parteien nämlich die gleiche wie bei Unternehmen: wenn es nicht läuft, schauen wir auf das Produkt: Welche Gesetze haben wir verabschiedet? Welche Gesetze planen wir?
Das ist alles ganz nett, stößt jedoch nur auf beschränktes Interesse – innen wie außen. Der Wähler entscheidet nicht nach den konkreten Gesetzen, sondern er entscheidet nach dem, was Sinek das „Warum“ nennt: der Grundidee einer politischen Richtung und der Fähigkeit der Partei, diese Idee konkret zu machen. Entsprechend wichtig ist es auch für politische Parteien, auf ihr „Warum“ zu schauen, denn dieses „Warum“ entscheidet darüber, ob die Partei selbst und ihre Wähler in ihr einen Sinn erkennen können.
Dieses „Warum“ ist aber nicht nur entscheidend für den Wähler, sondern auch für die Menschen in der Partei selbst. Auch sie müssen davon überzeugt sein, sich in dieser Partei für etwas Sinnvolles einzusetzen und an etwas Sinnvollem mitzuarbeiten. Mitarbeit lebt nicht nur vom „Was“, sondern auch vom „Warum“. Erst dann wird eine Tätigkeit als sinnvoll erfahren.

Nun hat gerade der Liberalismus bzw. die FDP als liberale Partei seit jeher ein großes Akzeptanzproblem in Deutschland. Sie gilt als Partei der Egoisten und Besserverdienenden. Dennoch hat auch der Liberalismus einen Sinn, ein „Warum“, sonst würde es ihn nicht schon seit so langer Zeit geben. Vielleicht hilft ein Blick auf dieses „Warum“ auch der Partei selbst, sich nicht nur in Gesetzesvorhaben und Werbekampagnen zu verlieren, sondern darüber nachzudenken, warum es sie eigentlich gibt und geben soll.
Bei dem Warum geht es nicht um konkrete Vorhaben, sondern um die Grundidee, die der Liberalismus hat: welche Idee hat er vom Menschen? Welche Idee hat er von der Gesellschaft?
1. Das „Warum“:
Der einzelne Mensch soll in Freiheit und Würde sein Leben und die Gesellschaft, in der er lebt, gestalten sollen.
Nun wird es konkreter wie soll diese Grundidee gesichert werden?
2. Das „Wie“:
Diese Freiheit des Einzelnen kann schon deshalb nicht absolut sein, weil keiner nur einzeln lebt, sondern jeder Teil der Gesellschaft und einer menschlichen Gemeinschaft ist. Also muss geschaut werden, wie dieses Zusammen gelingen kann und gleichzeitig die Freiheit des Einzelnen geschützt wird.
Hier kommen dann die Faktoren ins Spiel, die den Einzelnen als Einzelnen schützen und gleichzeitig die Gesellschaft demokratisch vom Einzelnen her denkt: freie Wahlen, Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung, freier Markt, Presse- und Meinungsfreiheit, aber auch Wohlfahrts –und Sozialstaat.
Schließlich wird es ganz konkrete: was macht die FDP konkret?
3. Das „Was“:
Dies sind die konkreten Gesetze, die von der FDP in der Regierung (mit-)beschlossen werden oder die Gesetzesvorschläge, die von der FDP gemacht werden. Diese sind nicht von der aktuellen Beliebtheit her zu messen und daher nicht auf Umfragewerte hin zu entwerfen, sondern vom „Warum“ her: dienen sie dem Sinn einer liberalen Partei? Sind sie kompatibel mit der Verwirklichung der großen Vision des Liberalismus?
Das „Warum“ entscheidet das „Wie“ und das „Was“: der Sinn der Partei entscheidet über ihre Strukturen und ihre konkrete Arbeit. Das Dumme: dieses Warum ist deutlich schwieriger wahrnehmbar. Es ist eben nicht so konkret und daher nicht so leicht zu fassen. Dies verführt dazu, konkrete Elemente zum eigentlich Sinn der Partei zu machen. Hierbei werden jedoch Ursache und Wirkung vertauscht.
Das heißt beispielsweise, dass das „Warum“ des Liberalismus nicht der freie Markt ist. Sondern der Mensch, der möglichst frei über sein Leben entscheiden kann. Das eine ist die Grundlage („der freie Mensch“), das andere ist die Konsequenz aus dieser Grundlage („der freie Markt“). Wenn diese beiden Ebenen verwechselt werden, verliert der Liberalismus das, was er zum Überleben braucht: seinen Sinn.

Es ist kein Wunder, wenn der Liberalismus oft als herzlos und egoistisch wahrgenommen, wenn er vor allem als Kämpfer für den freien Markt wahrgenommen wird. Der Markt ist kein Selbstzweck. Es geht letztlich nicht um den Markt, sondern um den Menschen, und der Liberalismus muss immer neu begründen können, dass der Markt gut ist für den Menschen. Und nicht umgekehrt nur daran denken, wie der Mensch fit für den Markt gemacht werden kann. Es ist eine Frage des Ziels und des Warums.
Die katholische Kirche geht in die Knie, weil sie glaubt, ihr Warum wäre die Macht der höheren Würdenträger. Die Sozialdemokratie geht in die Knie, weil sie ihr großes Warum verloren hat: den Bergmann und Stahlarbeiter, und noch nicht weiß, wer jetzt die Klasse der Benachteiligten ist, für die sie kämpfen muss. Die Christdemokratie hat mit der Verdunstung des Christentums ebenfalls ihr großes Warum verloren und sucht es nun in einem lauten, aber irgendwie leeren Konservativismus.
Im Unterschied dazu kennen Grüne und AfD ihr Warum: die einen kämpfen für Klima und Umwelt, die anderen gegen Moderne und Globalisierung und für einen oft nationalistischen oder gar rassistischen Heimatbegriff. Grüne und AfD kennen ihr Warum und sind deshalb deutlich kraftvoller.
Immer geht es um das Warum. Machen wir Liberale dabei eine gute Figur?
Die Arbeit am „Warum“
Ein Warum ist nie fertig, sondern muss immer neu austariert und mit der Realität abgeglichen werden:
- Warum ist es heute wichtig, sich für die Freiheit des Einzelnen einzusetzen?
- Was bedeutet es heute, von der „Freiheit“ des Menschen zu sprechen?
- Wo ist diese Freiheit heute gefährdet?
- Was stützt diese Freiheit?
- Wie ist die Rolle des Einzelnen in der Gesellschaft zu sehen?
- Wo enden die Rechte des Einzelnen und beginnen die Pflichten gegenüber der Gesellschaft?
Diese Arbeit am „Warum“ ist ein dauerhafter Prozess, der nie aufhören darf. Der Grund ist nicht nur die Motivation nach innen und außen, der Grund ist auch ein inhaltlicher: nur so können Innovation und Veränderung gelingen und nur so kann man konsistente und glaubwürdige Entscheidungen treffen, die nicht als schlingernd oder disparat oder gar populistisch wahrgenommen werden.
Oft wirkt die FDP schlingernd und damit wenig glaubwürdig. Einerseits ist sie für die Freigabe von Cannabis, andererseits hat sie eine große rechtsstaatliche Tradition. Einerseits will sie die Ukraine und viele andere unterstützen, die für ihre Freiheit kämpfen, andererseits tut sie sich schwer, Wirtschaftsbeziehungen mit Russland oder anderen nichtdemokratischen Staaten aufs Spiel zu setzen. Einerseits weiß sie, dass die Klimathematik auf der Tagesordnung steht, andererseits gelingt es ihr trotzdem nicht, die Fremdheit mit diesem Thema zu überwinden und als aktiv und motiviert wahrgenommen zu werden.
Immer geht es um das „Warum“: um die Fähigkeit, neue Themen mit dem eigenen „Warum“ erarbeiten zu können. Es geht um das Selbstbewusstsein, den Sinn der eigenen politischen Bewegung zu kennen und damit arbeiten zu können. Man kann nur das überzeugend nach außen geben, was man innerlich vorher gut durchdacht und sich zu eigen gemacht hat.

Dieses Durchdenken ist nicht immer der schnellste Weg, aber der einzige, der auf lange Sicht fähig macht, sich und andere zu motivieren und so zu handeln, dass es Hand und Fuß hat. Und den eigenen Überzeugungen entspricht.
Simon Sinek hat 2009 mit seinem Ted-Talk einen Riesentreffer gelandet. Nicht, weil vorher keiner gewusst hätte, dass Sinn und langfristige Motivation etwas miteinander zu tun haben. Nicht, weil vorher keiner gewusst hätte, dass man letztlich ziellos durch die Gegend irrt, wenn man nicht weiß, warum man das tut, was man tut.
Sinek hat es mit seinen drei Kreisen meisterhaft verstanden, die Unternehmen und damit auch alle Organisationen daran zu erinnern, dass es um Tiefgang geht, um Vision und um Mission, um langfristig nicht nur überleben, sondern erfolgreich zu sein und Ausstrahlung zu haben. Es ist nicht die konkrete Arbeit, sondern die Idee, mit der sie geschaffen wird, die langfristig entscheidend ist. Das, was man tut, sollte man nicht mit dem verwechseln, warum man es tut. Weil das, was man tut, dann immer schlechter wird.
Der Liberalismus ist nicht die freie Marktwirtschaft oder die Freigabe von Cannabis. Sondern die Idee eines Menschen, der möglichst frei über sein Leben bestimmen soll. Es ist die Idee einer Gesellschaft, die nicht von einer großen Idee oder Religion oder Klasse oder Rasse aus beurteilt wird, sondern vom Einzelnen her. Diese Idee muss immer neu erarbeitet und durchdrungen werden, damit sie konkret werden kann. Aber eben genau in dieser Reihenfolge.


Ja, die Idee des Liberalismus muss immer «neu erarbeitet und durchdrungen werden» um konkret werden zu können. Und genau da liegt der springende Punkt. Mit dem Mehr an Freiheit und persönlicher Möglichkeit des Individuums, nicht zuletzt durch und wegen dem Liberalismus, schwindet auch das Bewusstsein, die Einsicht, dass das Erreichte kein Endziel, sondern bestenfalls ein Etappenziel ist. Wenn das Wissen um das WARUM und das WIE der Errungenschaft «Liberalismus» nicht weitergegeben und weitergepflegt wird, driftet die Gesellschaft zunehmend auseinander, teilt sich auf in Gruppen in denen die Individuen erkennen, WHAT getan werden muss um Freiheit und persönliche Möglichkeit des Individuums zu erhalten und weiter zu entwickeln, in jenen Individuen die Schwachstellen einer liberalen Gesellschaft erkennen und konsequent missbräuchlich aus- und benutzen, sowie jenen Individuen, die entweder nicht willens, oder nicht fähig sind die Mechanismen zu erkennen und das notwendige Gegensteuer zu geben um auf Kurs zu bleiben.
In gewissem Sinn kann die «Pflege des Liberalismus» als eine Sisyphusarbeit im Sinne einer Knochenarbeit bezeichnet werden. Ohne die Bereitschaft diese Arbeit zu leisten ist das «Where to» absehbar und am Horizont schon erkennbar.
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