Roland A. Kohn, langjähriger Vorsitzender der Kommission Freiheit und Ethik, kommentiert Jörg Diehls „Lebenschancen als Motor einer Politik der Freiheit“: „Lebenschancen sind kein Glasperlenspiel für philosophisch Interessierte, erfordern vielmehr die Mühe der empirischen Ebene, stets angetrieben von den Prinzipien der Freiheitsphilosophie. Was folgt daraus für die Anwendung des Konzepts Lebenschancen heute?“
Autor Jörg Diehl hat auf verdienstvoller Weise die zentralen Elemente des Konzepts „Lebenschancen“ von Ralf Dahrendorf herausgearbeitet.
Lebenschancen sind in der Tat ein urliberales Konzept, das wieder aufzugreifen der liberalen Partei gut anstehen würde.
Um seine ganze Tragweite im Denken Dahrendorfs recht einordnen zu können, ist es hilfreich auf eine Passage hinzuweisen, die Ralf Dahrendorf formuliert hat im Zusammenhang mit dem sogenannten „Positivismusstreit in der deutschen Soziologie“ (Adorno u.a., Luchterhand – Neuwied 1969).
Tübinger Tagung zu Grundlagen und Zielsetzungen der Soziologie 1961
Theodor W. Adorno und Jürgen Habermas auf der einen Seite – Karl R. Popper und Hans Albert auf der anderen Seite waren 1961 zu einer Tagung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Tübingen eingeladen worden, um über die Grundlagen und Zielsetzungen der Soziologie zu diskutieren. Diese Diskussion ist fälschlicherweise unter dem Titel „Positivismusstreit“ in die Geschichte des Fachs eingegangen.
Fälschlicherweise, denn die Kontroverse war in Wahrheit eine Auseinandersetzung zwischen der „Kritischen Theorie“ der Frankfurter Schule und dem Kritischen Rationalismus Poppers und seines Mannheimer Freundes Albert. Poppers Philosophie entwickelte sich bekanntlich gerade in Abgrenzung zum Positivismus des Wiener Kreises ebenso wie übrigens ja auch zum Denken Wittgensteins.
Ralf Dahrendorf war gebeten worden, die Diskussion, die sich dort entspann, zusammenzufassen und kritisch zu reflektieren.
In seinem Beitrag findet sich eine Passage, die recht eigentlich den Schlüssel zu Dahrendorfs Wirken als Wissenschaftler, Politiker und öffentlicher Intellektueller bildet: „Erst an diesem späten Punkt der Diskussion blitzte jener Zusammenhang auf, der bei der Wahl des Themas leitend gewesen war: daß es eine innere Verbindung gibt zwischen bestimmten Vorstellungen von der Aufgabe der Soziologie, bestimmten erkenntnistheoretischen und wissenschaftslogischen Positionen und bestimmten moralischen Prinzipien, die auch politische Relevanz haben.“ (a.a.O., S. 152)
Lebenschancen als gesamtheitliche Aufgabe: Im Ausgang von Ralf Dahrendorf als Wissenschaftler und Politiker
Die Bedeutung dieses Satzes erschließt sich, wenn man ihn im Lichte von Dahrendorfs gesamtem Denken und Handeln als Wissenschaftler und Politiker in Deutschland und Großbritannien entfaltet.
Zunächst zum wissenschaftlichen Fundament: Knapp formuliert kann man es zusammenfassen als Rationalität und kritischen Realismus. Die moralischen Prinzipien mit politischer Relevanz: die persönliche Freiheit, die in der Verantwortung gegenüber der Gesellschaft gründet. Und die Aufgabe der Soziologie bestimmt sich in der Analyse und Reflektion der Bedingungen für die friedliche Konflikt- und Wandlungsfähigkeit eines Gemeinwesens.
Unter diesen Aspekten sind Dahrendorfs Lebenschancen nicht etwa ein funktionalistisches Konzept, wie man meinen könnte: „Lebenschancen sind eine Funktion von Optionen und Ligaturen.“ (Dahrendorf, Lebenschancen, Suhrkamp – Frankfurt 1979, S. 51) Denn bei Dahrendorf heißt es weiter: „Sowohl Optionen als auch Ligaturen sind Dimensionen der Sozialstruktur … Zu jedem gegebenen Zeitpunkt gibt es ein optimales Gleichgewicht von Optionen und Ligaturen – Wahlentscheidungen und Bezügen vom Standpunkt des einzelnen –, es gibt daher eine Funktion von Optionen und Ligaturen, die ein Maximum an Lebenschancen bezeichnet. Indessen können beide, Optionen und Ligaturen, sowohl wachsen als auch schrumpfen; daraus folgt, daß Lebenschancen ansteigen und ausgeweitet werden können. Die Erkundung der Bedingungen, unter denen Lebenschancen wachsen, ist die erste Aufgabe der sozialen Theorie des Wandels und die erste Absicht der politischen Theorie der Freiheit.“ (S. 55).
Lebenschancen sind somit recht verstanden kein Glasperlenspiel für philosophisch Interessierte, man sehe mir diese polemische Formulierung nach. Sie erfordern vielmehr die Mühe der empirischen Ebene, stets angetrieben von den Prinzipien der Freiheitsphilosophie.
Aufgaben und Bedingungen der Lebenschancen heute
Was folgt daraus für die Anwendung des Konzepts Lebenschancen heute? Nicht nur die obwaltenden historischen Konjunkturen für die Betonung von Optionen oder Ligaturen sind zu bedenken; darüber hinaus sind die Bedingungen für Lebenschancen in den Blick zu nehmen. Dazu gehören die konkreten Machtverhältnisse in einer Gesellschaft ebenso wie die grundlegenden Voraussetzungen für rationale Diskurse und die friedliche Austragung von Konflikten.
Beispielhaft seien einige fundamentale Fehlentwicklungen genannt: die Wiederkehr des argumentum ad hominem im Gewand der Identitätspolitik; die Erfindung „alternativer Fakten“ (Kellyanne Conway); die Umsetzung persönlichen Reichtums in politischen Einfluß; die Instrumentalisierung von Wahrheiten der Offenbarungsreligionen im politischen Meinungsstreit; die wachsende Macht des „Denkens in Bildern“ zulasten der Wirkmächtigkeit wortaffiner Medien; das „mediale Allzeit-Jetzt“ (Kurt E. Becker) mit seinem Verlust historischer Tiefenschärfe; die Rückkehr nationalistisch befeuerter Machtpolitik mit Schaffung von Einflußzonen und Vasallenstaaten; oder auch die „Unterdrückung durch Beglückung“, so jüngst Ulrich Steinvorth.
Wenn Hauptschulen Absolventen hervorbringen, die nicht richtig lesen, schreiben und rechnen können, Hochschulen radikal empfindsame Studenten vor der Konfrontation mit der Realität (auch zwischen Buchdeckeln) „schützen“ zu müssen meinen, staatlich gelenkte Influencer autoritäres Gedankengut in demokratischen Gesellschaften verbreiten und Regierungen den Unterschied zwischen einem überfallenen Staat und dem Eroberer nicht wahrhaben wollen – dann sind es zuvörderst solche fundamentalen Voraussetzungen für eine Politik der Lebenschancen, die angegangen werden müssen.
Am 5. Mai 2009 veranstaltete die Britische Botschaft in Berlin einen großen Empfang zum 80. Geburtstag von Ralf Dahrendorf. Von seiner Krankheit schon gezeichnet konnte er nur noch wenige Dankesworte sagen. Durch Zufall sah ich ihn gegen Ende in einem ruhigen Teil des Saals sitzen, zusammen mit seiner Frau. Er erkannte mich und ich wollte ihm schon spontan persönlich gratulieren – aber beließ es angesichts seiner erkennbaren Erschöpfung dann doch bei einer Geste des Respekts.
Es ist überaus erfreulich, daß die liberale Partei die Ideen Ralf Dahrendorfs für eine zukunftsorientierte, weil freiheitsorientierte Politik fruchtbar machen will.
Ich empfehle ihr, sich dabei auf die Grundvoraussetzungen einer Politik der Lebenschancen besonders einzulassen.
Roland A. Kohn

