Eine schwierige Beziehung: Liberalismus und Christentum

Es sind zwei Partner, die untrennbar miteinander verbunden sind, sich aber trotzdem mit einer gewissen Unversöhnlichkeit gegenüberstehen: der Liberalismus und das Christentum. Beide verstehen sich in vielen Punkten als Gegner: das Christentum sieht im Liberalismus oft eine religionsgefährdende Grundhaltung, eine Vernunft, die jeden religiösen Gehalt des Lebens vernichten will. Umgekehrt sieht der Liberalismus im Christentum oft eine rückwärtsgewandte Institution, die eine weltfremde religiöse Wahrheit an die Stelle von Vernunft und Toleranz setzen will. Trotz dieser Rivalität ist die Beziehung von Liberalismus und Christentum die Beziehung zweier Partner, die untrennbar miteinander verbunden sind.

Menschen- und Bürgerrechte

Die modernen westlichen Demokratien sehen sich als Verwirklichung bestimmter liberaler Grundwerte, die in der europäischen Aufklärung formuliert wurden und schließlich 1948 ihren Niederschlag in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte durch die Vereinten Nationen fanden. Im Zentrum steht die Aussage des 1. Artikels: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“ Aus dieser Aussage leiten sich alle anderen Werte ab, die zu Recht als Grundrechte der Demokratie gelten: Recht auf Eigentum, persönliche Unversehrtheit, Meinungsfreiheit usw.

Die direkten Ursprünge der modernen liberalen Grundwerte verdanken sich der europäischen Aufklärung. Diese Abhängigkeit ist unumstritten. So steht die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte durch die UNO in direkter Tradition zur „Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten“ von 1776 oder der französischen „Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte“ von 1789. Philosophen der Aufklärung wie Kant oder Rousseau haben wesentlich zur inhaltlichen Entwicklung der Menschenrechte beigetragen.

Unabhängigkeitserklärung der USA vom 04.07.1776 (Quelle: http://www.wikipedia.org)

Diese eindeutige Abhängigkeit des Liberalismus von der Aufklärung wird oft gegen den Hinweis angeführt, dass die Ursprünge der Grundwerte unserer Demokratie christlich sind. Hierfür spricht auch der Kampf des Christentums – namentlich der Katholischen Kirche – gegen den Liberalismus und die Aufklärung Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Trauriger Tiefpunkt dieser Auseinandersetzung war sicherlich der „Syllabus errorum“ von Papst Pius IX. von 1864, in dem der Glaube an die menschliche Vernunft und den Fortschritt, die Freiheit der Wissenschaft, die Religionsfreiheit, aber auch der Liberalismus und das liberale Menschenbild als Irrtümer verdammt wurden. Dass die christlichen Kirchen mittlerweile zu den Menschenrechten stehen, ändert nichts daran, dass ein Zusammen des Christentums und der Aufklärung zumindest nicht selbstverständlich ist und in gewissen Grenzbereichen auch bis heute umstritten ist – von beiden Seiten.

Es ist jedoch festzuhalten, dass nicht alles, wogegen man sich wehrt, nichts mit einem zu tun hat. Dies gilt für den Liberalismus und die Aufklärung genauso wie für das Christentum. Die Aufklärung verfügt über zwei Traditionsstränge, die für ihre inhaltliche und geistige Entwicklung tragend gewesen sind: die griechisch-römische und die jüdisch-christliche Tradition.

Die griechisch-römische Vernunft

Der wesentliche Impuls der griechisch-römischen Tradition war der Gebrauch einer Vernunft, die unabhängig von Religion oder Tradition nach rationalen Kriterien und Begründungsstrukturen sucht. Hier wurde dem Menschen gegenüber der Religion bereits eine herausragende Stellung zugesprochen, die menschliche Vernunft wurde als verantwortlich angesehen für jeden Fortschritt und für jede Kultur. Gleichzeitig kam es zur Entwicklung „demokratischer“ Staaten im klassischen Griechenland. Diese Demokratien verstanden sich als Herrschaft des Volkes gegenüber den Monarchen und den Adligen, waren aber ausdrücklich keine Demokratien im modernen Sinne, da sie nicht dem Menschen an und für sich irgendwelche Rechte und eine bestimmte Würde zusprachen, sondern den (männlichen) Bürgern. Der Hauptteil der Bevölkerung (Sklaven, Frauen, Zugezogene …) besaßen keine Bürgerrechte. Die Griechen besaßen durchaus die Idee, dass jeder Mensch eine natürliche Begabung besitzt (Vernunft), dass sich daraus aber irgendwelche konkreten Rechte ableiten könnten oder es einen Anspruch auf Würde geben würde, dieser Gedanke war fremd.

Das jüdisch-christliche Menschenbild

Die jüdisch-christliche Tradition sorgte dann schließlich für entscheidende Veränderungen im Menschenbild. Das Judentum setzte bereits einen wichtigen Akzent durch den Glauben an die Gottesebenbildlichkeit des Menschen (vgl. Gen 1,27). Damit verfügte jeder Mensch, da er von Gott nach Gottes Abbild geschaffen ist, über eine bestimmte Würde. Daraus leiteten sich durchaus auch konkrete Rechte für nichtjüdische Menschen ab (insbesondere das Gastrecht), dennoch blieben die Rechte weitgehend auf die eigene jüdische Nation beschränkt, die sich über den Bundesschluss mit Gott und die Einhaltung des jüdischen Gesetzes definierte.

Der wesentliche neue Schritt wurde dann durch das Christentum vollzogen. Sehr schnell trennte sich das Christentum vom Judentum, vorangetrieben vor allem durch Paulus. Das grundlegende Problem war die Frage, ob das jüdische Gesetz weiterhin verbindlich ist oder nicht. Man entschied sich bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt, die Verbindlichkeit des jüdischen Gesetzes aufzuheben mit Verweis darauf, dass nicht das Gesetz, sondern Christus selbst heilsvermittelnd ist. Dadurch löste sich das Christentum sehr bewusst von jeder nationalen oder religiösen Gebundenheit: „Es gibt weder Jude noch Grieche, weder Slaven noch Freien“ (Gal 3,28). Jeder Mensch, so die Lehre, verfügt als von Gott geschaffenes Wesen über eine bestimmte Würde und ist mit dieser Würde ein Wesen, das Gott ähnlich ist und von Gott erlöst wird.

Faktisch bedeutete dies jedoch auch weiterhin nicht, dass deshalb jedem Menschen aufgrund seines Menschseins bestimmte Rechte zugesprochen werden. Diese sind gebunden an die Mitgliedschaft im Christentum oder sogar daran, auch als Christ nicht gegen die Regeln des Christentums zu verstoßen. Ketzer- und Hexenverbrennungen sind ja durchaus scharfe Einschränkungen der Rechte von getauften Christen. Das Christentum sah jeden Menschen als Gottes Ebenbild an. Dass sich nur für die Christen, nicht aber für jeden Menschen (Ketzer, Muslime …) daraus Grundrechte ergaben, wurde damit begründet, dass bestimmte Menschen sich willentlich von Gott entfernt hätten und damit auch jedes Recht verlören: Nichtchristen konnten versklavt werden, Christen nicht.

Ein Umdenken erfolgte dann in der Zeit der großen Entdeckungen im 16. Jahrhundert. Man konnte ja inhaltlich bis dahin irgendwie begründen, dass Muslime keine Rechte hätten, da sie sich bewusst gegen das Christentum entschieden hätten und Muslime geworden seien – wie verhält sich das aber mit Kulturen in fremden Ländern, die noch nie etwas vom Christentum gehört haben konnten, etwa den Indios in Amerika?

Die moderne Frage danach, ob unabhängig von jeder Religion, Nationalität oder Hautfarbe ein Mensch über bestimmte Rechte verfügt, wurde erstmals Mitte des 16. Jahrhunderts in den spanischen Kolonien in Amerika durch katholische Ordensleute wie Bartolomolé de las Casas öffentlich diskutiert und schließlich sowohl vom Papst als auch vom spanischen König offiziell anerkannt – ohne dass sich deshalb das konkrete Leben der Indios allerdings verbessert hätte, aber das ist ein anderes Thema.

Die Aufklärung

In Europa begann im Spätmittelalter eine wachsende Distanzierung von der christlichen Religion. Diese begann erst einmal (v.a. im Nominalismus) mit der erkenntnistheoretischen Frage, ob die menschliche Vernunft in der Lage ist, unabhängig von den Inhalten der christlichen Offenbarung wahrheitsgemäße Aussagen über die Welt und den Menschen treffen zu können. In Bezug auf den Menschen setzte die Reformation dann im 16. Jahrhundert den wichtigen Impuls, das Verhältnis des Menschen gegenüber Gott unabhängig von der Kirche denken zu können und damit dem Menschen eine neue und bedeutendere Stellung in der Schöpfung zuzuweisen.

Die neue Einschätzung der menschlichen Vernunft führte in der Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts dann zu den Versuchen, unabhängig von den Inhalten der Religion die besondere Stellung des Menschen begründen zu können. Thomas Hobbes entwirft ein religionsunabhängiges Gesellschafts- und Menschenbild, das naturrechtlich begründet wird, dem Menschen an sich aber noch keine Rechte zuweist. Dies passiert erst mit John Locke. Er schreibt dem Menschen an sich Rechte zu, die er auch gegenüber dem Staat einfordern kann. Hier ist jedoch wichtig festzuhalten, dass Locke dies aus einem christlichen Selbstverständnis heraus tut: er sieht Religion und Vernunft nicht als Gegensatz, sondern als Ergänzung. Die nichtreligiöse Festlegung der Menschenrechte soll das christliche Menschenbild (Schöpfungsbericht usw.) neu begründen.

Mit Rousseau und Kant tritt die europäische Aufklärung in eine neue, entscheidende Phase. Rousseau ist der erste, der ausdrücklich von Menschenrechten spricht. Diese werden streng naturrechtlich begründet und von hier aus werden die großen Themen des Liberalismus angerissen: Freiheit des Individuums, das Volk als Souverän des Staates usw. Dabei finden sich bei Rousseau – wie auch bei vielen anderen Vertretern der Aufklärung seiner Zeit – sehr kirchenkritische Töne. Kants Verhältnis zur Religion ist ambivalent: mit den konkreten Inhalten der christlichen Offenbarung konnte er wenig anfangen, dennoch wies er der Religion an sich eine wichtige Stellung in der Vermittlung von Werten und Moral zu. Die Begründungsstrukturen von Kant sind auf die menschliche Vernunft ausgerichtet und sind in ihrer Konsequenz kritisch gegen jeden Versuch, Religionsinhalte vernünftig zu begründen.

Der Konflikt

Hier liegt die Wurzel des Konflikts zwischen der europäischen Aufklärung und dem Christentum jener Zeit, besonders der Katholischen Kirche und ihrem Lehramt: die Frage, welchen Rang die menschliche Vernunft gegenüber der religiösen Offenbarung hat. Wenn es möglich ist, unabhängig von der religiösen Offenbarung Rechte des Menschen festzuschreiben, dann war der Kirche schnell klar, dass sich diese Rechte (Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit) auch gegen die Kirche wenden können. Wenn die Vernunft einen dauerhaften menschlichen Fortschritt unabhängig von jeder religiösen Entwicklung erkennt, dann ist der Kirche klar, dass sie damit die Deutungshoheit über die Entwicklungen der Gesellschaft verliert. Wenn es eine kirchenunabhängige Vernunft gibt und diese Vernunft zum wesentlichen Kriterium menschlicher Erkenntnis wird, dann ist der Kirche klar, dass sie die Herrschaft über die Köpfe, Gedanken und Ideen verliert.

Hier liegt die Wurzel dieses tiefen Konflikts zwischen dem Christentum und der Aufklärung. Hierbei ist zu beachten, dass die Grundwerte, die in der Aufklärung festgestellt wurden, namentlich die Würde des einzelnen Menschen, aus denen dann die anderen Werte begründet wurden, christliche Grundwerte sind. Ähnlich verhält es sich mit der Vernunft selbst.

Thomas v. Aquin (1225-1274), Quelle: http://www.wikipedia.org

Die christliche Religion ist die einzige Religion, die sich seit ihren Anfängen um eine rationale Begründung ihrer Glaubensinhalte bemüht. In Ansätzen bereits im 1. Jahrhundert, endgültig im 2. Jahrhundert tritt die christliche Religion in einen dauerhaften Dialog mit der Philosophie ein. Dies hat erst einmal apologetische Gründe: die Inhalte der Religion müssen gegen die zeitgenössischen Vorwürfe verteidigt werden, dass sie „unvernünftig“ seien. Immerhin bemerkenswert, dass das Christentum auf diesen Vorwurf nicht mit einer Ablehnung der Vernunft reagiert, sondern sich bemüht die eigenen Glaubensinhalte mit Hilfe der Vernunft zu durchdringen und darzustellen.

Hieraus entwickelt sich dann ein dauerhafter Dialog der christlichen Religion mit sich selbst, die versucht, ihre eigenen Offenbarungsinhalte vernünftig zu begründen und zu verstehen. Die dogmatischen Texte der ersten Jahrhunderte lesen sich wie zeitgenössische philosophische Texte. Das Mittelalter kennt nur noch die Einheit von Vernunft und Religion: wenn die Welt Schöpfung Gottes ist, dann steht jede Aussage über die Welt in Verbindung mit Gott. Das Christentum überlieferte den griechischen Vernunftbegriff, setzte ihn ein für die Begründung eigener theologischer Inhalte und musste dann ab dem Spätmittelalter und besonders in der Aufklärung erkennen, dass die Vernunft auch gegen die Religion eingesetzt werden kann.

Getrennt und doch zusammen

Wir stehen vor der Situation, dass das Christentum bestimmte Werte geschaffen hat, die sich dann gegen das Christentum gewendet haben: Menschenwürde (als Gottes Ebenbild), Individualismus und Vernunft. Das Christentum übernahm den griechischen Vernunftbegriff. Die spätere Aufklärung fing in ihrem Denken nicht bei Null an, sondern griff auf diesen vom Christentum vermittelten Vernunftbegriff und das vom Christentum vermittelte Menschenbild zurück, suchte es neu zu begründen und wendete sich in dieser neuen Begründung gegen das Christentum. Es ist daher kein Zufall, dass die Aufklärung und der moderne Rationalismus ihren Ursprung im christlichen Europa haben. Gleiches gilt für den Individualismus: der europäische Individualismus entstand im Spätmittelalter, er griff auf christliche Werte zurück (Würde des von Gott Geschaffenen), wendete sich dann aber auch gegen das Christentum.

Die liberalen Grundwerte haben also christliche Wurzeln, sind aber in ihrer Begründungsstruktur auch gegen das Christentum lesbar bzw. gegen einen bestimmten Anspruch des Christentums, dass eine religionsunabhängige Begründungsstruktur nicht existieren kann – was wiederum nicht notwendige Lehre des Christentums ist und auch dem damaligen Zeitgeist der Aufklärung geschuldet war. Dass eine völlig religionsunabhängige Begründung nicht empirisch belegbarer Werte schwierig ist, zeigt die immer noch aktuelle und vieldiskutierte Frage, wie man die Menschenwürde bzw. die besondere Rolle des Menschen im Kosmos begründen kann. Zudem verweist das berühmte „Böckenförde-Diktum“ („Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“) auf eine bleibende Abhängigkeit des Liberalismus von einem kulturell gebundenen Gemeinsinn, zu dem auch wesentlich das Christentum gehört. Insofern ist die gleichermaßen von Anziehung und Abstoßung geprägte Beziehung von Liberalismus und Christentum nicht nur historisch interessant, sondern auch für die weitere Zukunft beider relevant.

About Michael Rasche

PD Dr. Dr. Michael Rasche ist tätig als Dozent für Philosophie und Unternehmensberater. 2015/16 hatte er die Professur für Philosophische Grundfragen der Theologie an der KU Eichstätt-Ingolstadt inne. Seit 2016 ist er Mitglied der FDP und dort tätig im NRW-Landesfachausschuss "Offene Gesellschaft" sowie im Bundesfachausschuss "Ethik und Freiheit". Er lebt mit seiner Frau und seinem Sohn in Rotterdam in den Niederlanden. Weitere Informationen zu Michael Rasche: www.michaelrasche.eu.

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