Das Ethos Roland Kohns ist uns Vorbild

Der vormalige FDP-Landesvorsitzende und langjährige Bundestagsabgeordnete für Mannheim und Weinheim, Roland A. Kohn, ist am 4. Dezember 2020 mit einem großen Empfang im Mannheimer Museum Zeughaus für 50 Jahre aktive Parteimitgliedschaft geehrt worden. Als Nachfolger Kohns im Amte des Vorsitzenden der Kommission Freiheit und Ethik der FDP habe ich dabei die folgende Laudatio gehalten.

„Sehr verehrte Damen und Herren, lieber Michael Theurer, lieber Jens Brandenburg, lieber Konrad Stockmeier, liebe Kollegen aus der Kommission Freiheit und Ethik, vor allem aber: lieber Freund Roland Kohn, liebe Frau Ruthild Kohn,

wir verdanken, und ich verdanke, Roland Kohn viel. Sein Wirken ist uns Auftrag.

Roland Kohn war Anfang der 90er Jahre der erste Landesvorsitzende der FDP / DVP, den ich erlebt habe, und er hat mich als Schüler und junger Student mit seinen schwungvollen, so klugen wie leidenschaftlichen Reden – auf Parteitagen wie bei Dreikönig – nachhaltig beeindruckt. Mitte der 90er verließ ich aber Baden-Württemberg und verlor ihn aus den Augen.

Bis zum 28. September 2011 in Stuttgart. Generalsekretär Christian Lindner hatte zur Grundsatzwerkstatt im Zuge der Erarbeitung eines neuen Grundsatzprogrammes eingeladen, und 216 Teilnehmerinnen und Teilnehmer hatten sich angemeldet. Einer stach für mich, den Organisatoren und Protokollanten dieser Grundsatzwerkstatt, besonders heraus: Roland Kohn. Als Leiter der Grundsatzabteilung im damaligen Dehler-Haus schrieb ich ihm anschließend eine E-Mail und – unerhört und gänzlich unabgesprochen – vertraulich einen Erstentwurf unserer Thesen mit der Bitte um Kommentierung. Es war der Beginn eines Gesprächs, das seither und hoffentlich noch viele Jahre anhält.

Denn zu dieser Zeit war Roland Kohn gerade der neue Vorsitzende der Kommission Freiheit und Ethik geworden, der Begründung und Funktion nach eine Art Grundsatzkommission, jedenfalls die stehende Kommission des FDP-Bundesvorstandes, die Grundsätze und Wertefragen behandelt. Im Sommer 2012 lud er mich ein, in Heidelberg unser Grundsatzprogramm vorzustellen und diskutieren. Ich fuhr hin, etwa zeitgleich mit meinem Abschied vom Dehler-Haus, und fand eine neue politische Heimat als Mitglied der Kommission. Vor wenigen Wochen habe ich sein Erbe als Vorsitzender antreten dürfen. Es war darum nicht nur Ehrensache, sondern ein Herzensbedürfnis, heute Abend bei Ihrer Ehrung dabei zu sein.

Und ich will sprechen über ein Herzensthema, das Roland Kohn und mich verbindet – über liberales Ethos, über einen gewissen Freisinn, der zugleich ein Gemeinsinn ist. Das hat dann Konsequenzen für die Positionierung der FDP, aber auch für die Klimapolitik, wie ich deutlich machen will.

Mit der AfD ist ein Kampf um Werte, um Lehren aus der Geschichte für die Zukunft, um Identität entbrannt – was es heißt, ein Deutscher zu sein, was es heißt, in diesem Land zu leben.

Da kommen wir Liberale mit dem Instrumentarium der Ethik alleine nicht dagegen an – also mit vernünftigen Argumenten, denen aber die Sättigung durch Geschichte und große Ideen und Gefühle fehlt. Da würden wir aber auch mit liberaler Identitätspolitik nicht weit kommen – wenn eine solche überhaupt denkbar ist.

Aber ich glaube, wir kommen mit Ethos weiter, und ich will Sie dazu einladen, dass auch Sie sich heute Abend nach ihrem eigenen liberalen Ethos fragen.

Ethos, was ist das? Ethos meint die persönliche Haltung,

  • für etwas einzustehen, was größer ist als man selbst.
  • Für einen Ort und seine Traditionen und Konventionen
  • aber auch für dessen Zukunft im Geiste einer leitenden Idee, einer Intention, einer Absicht
    • die das Ethos als Haltung prägt,
    • und die die gesamte Gemeinschaft prägt, für die der einzelne eintritt.

Ethos ist so etwas wie verkörperte Kultur, gelebtes Geschichtsbewusstsein, zum Selbstverständnis gewordene Idee und gemeinschaftliche Agenda zugleich. Ein Ethos schützt und stützt diejenigen, die es besitzen. Als Haltung hält es aufrecht, auch wenn der Wind geht. Und es verbindet uns mit Anderen, die vor uns kamen, die mit uns sind, und die nach uns kommen werden. Das ist der Unterschied zum bloßen Charakter, der im günstigen Fall auch einen gerade Rücken stärkt, aber der uns noch nicht mit Anderen verbindet.

Wer sich einem Ethos verpflichtet fühlt, der nimmt Verantwortung wahr für die kreative Kontinuität einer Leitidee, die auch die eigene Gemeinschaft prägt.

Jetzt lade ich Sie ein, das eigene liberale Ethos einmal durch zu prüfen. Unser Beispielfall und Vorbild ist dabei das Ethos von Roland Kohn, wie ich es wahrnehme.

Vier Elemente gehören zu einem Ethos:

  1. Ein Ortsbewusstsein
  2. Ideelle Traditionen, die uns orientieren
  3. Eine innere Selbstverpflichtung, diese Traditionen zum Leben zu bringen
  4. Die Sorge um den Fortbestand des Wohnorts und seiner Traditionen: Projekte

1. Ethos als Ortsbewusstsein

Wo bist Du? So fragt Gott den Adam, und so fragen wir uns: In welchen Umständen leben wir? Wie prägt uns die Gegenwart unseres Wohnortes?

Ethos in seiner ursprünglichen Bedeutung ist der Wohnort, der unser Bewusstsein prägt: Sind wir aus der Stadt oder vom Land, aus welchem Milieu, in welcher Zeit? Möge sich jeder von uns selbst nach diesen Erfahrungen fragen.

Roland Kohn jedenfalls ist ein Kind der Nachkriegszeit, in den späten und prägenden Sechziger Jahren so jugendlich wie die wenige Monate vor seiner Geburt ausgerufene Bundesrepublik. Er wächst auf in Ludwigshafen und Mannheim. Und der Reichtum seiner Eltern hängt nicht an der Wand, sondern es ist die lebendige politische Diskussion, die Diskussionsfreude.

  • Der Vater war Westpreuße aus Danzig, stammte, aus einer stark dem Zentrum verbundenen katholischen, wenngleich mutmaßlich auch jüdisch geprägten, Familie.
  • Die Mutter war sozialdemokratisch geprägt, hatte Zwangsverpflichtung und Arbeitsdienst bei der BASF erlebt, Bombenkrieg und Hungerswinter. Ihr früh verstorbener Lieblingsbruder Arthur war ein leidenschaftlicher Anti-Nazi, der dafür von SA-Leuten übel verprügelt worden war. Er blieb lebendig in der Erinnerung der Mutter, die mit ihrem Sohn häufig sein Grab besuchte. – Nach seinem Ausscheiden aus der Politik entschied sich Roland Kohn, den Namen Arthur in seinem Andenken auch öffentlich zu führen.

Das politische Elternhaus war eine Schule des Selbstdenkens. Der kritischen Auseinandersetzung, des offenen Wortes. Die Eltern gaben ihrem Sohn viele Freiheiten die zugleich die Gewissheit, dass die Freiheit des Wortes, der Gedanken, die junge Bundesrepublik vom Totalitarismus unterschieden.

Das sind die ersten selbstverständlichen Prägungen Roland Kohns. Sie werden sich im Laufe des Lebens noch verstärken.

2. Ethos als Fundus ideeller Traditionen

Zum Ethos gehören zweitens der Fundus der ideellen Traditionen – religiöse, moralische, philosophische, politische –, in denen wir dauerhaft Orientierung finden – und die uns dann im nächsten Schritt zur Selbstverpflichtung und Haltung werden.

Ideelle Traditionen, das meint Ethos im Sinne eines Fundus, einer Gesamtheit von Ideen, Werte, Konventionen, in denen sich Ethos im ersten Sinne, Ethos als Ortsbewusstsein, niederschlägt und ausdrückt. Ursprünglich also: Was man so denkt und wie man so lebt – da wo man so her ist: als Dorfkind, als Stadtkind, als Kind eines Milieus oder der Zeitgeschichte.

Roland Kohn fand die ideellen Traditionen, die ihm zum Ethos wurden, als er Ende der 60er Jahre zum Studium der Philosophie und Politik nach Mannheim ging – einer kleinen, aber feinen Hochschule, eine Hochburg des kritischen Rationalismus. Diesen hat Karl Popper, sein Begründer, als eine Lebenseinstellung beschrieben, „die zugibt, dass ich mich irren kann, dass Du recht haben kannst und dass wir zusammen vielleicht der Wahrheit auf die Spur kommen werden.“ „Alles Leben ist Problemlösen“ – „Auf der Suche nach einer besseren Welt“, so heißen seine Bücher.

Prägend war die Begegnung mit einem der Hauptvertreter des Kritischen Rationalismus, dem Soziologen Hans Albert, der zugleich Gegenspieler der Frankfurter Schule und des Neo-Marxismus, Freund Karl Poppers und Mitbegründer der empirischen Sozialwissenschaften in Deutschland war.

Der Geist der Universität und der oft interdisziplinären Seminare war geprägt nicht nur von Hans Albert, sondern auch vom Jurist Roellecke oder den Philosophen und Politikwissenschaftlern Hans Lenk, Harald Delius und Georg Geismann. Kritische und klare Analyse, der Geist der offenen Diskussion, die Orientierung an den Fakten: Das war zugleich eine Kampfansage an blutige Ideologien, an die muffige Scholastik der Theologie, an entrückte Philosophie – und es war ein Bekenntnis zur Teilnahme und zur konstruktiven Rolle der Wissenschaften bei der Modernisierung des Landes und der Sicherung der noch jungen Demokratie.

Die Bundesrepublik war im Aufbruch, und Mannheim war ein Treiber der neuen, modernen Republik.

Was muss diese Aufbruchstimmung spannend gewesen sein!

  • Der Geist blühte auf: Roland Kohn hörte Popper, lernte Kant kennen, diskutierte, wurde wissenschaftlicher Mitarbeiter, publizierte.
  • Die Liebe blühte sowieso: In den Vorlesungen saß Roland Kohn mit seiner späteren Frau Ruthild, die ihm zur ebenbürtigen Partnerin und großen Liebe wurde.
  • Und das Interesse an der Politik schlug durch: der politische Mensch Roland Kohn, den faszinierte der Aufbruch der jungen progressiven FDP – die Ostpolitik, die Jungtürken um Scheel, die Inspiration durch den jungen Professor Ralf Dahrendorf.

1969 trat Roland Kohn in die Mannheimer FDP ein, mit Sympathien auch für Willy Brandt’s Programm „Mehr Demokratie wagen“, mit Bewunderung für den Sozialdemokraten Carlo Schmid, mit Verständnis und Respekt für den Philosophen und Neo-Marxisten Ernst Bloch, der Ikone der Studentenbewegung aus Ludwigshafen.

Er wird finden in der FDP auch den persönlich vermittelten Zugang zu den liberalen Traditionen der Kurpfalz,

  • in der der Freiheitsidealist Friedrich Schiller Zuflucht fand, als er dem pietistischen Württemberg entfliehen muss,
  • und in der das Hambacher Schloss liegt, der große Ort der Freiheitssehnsucht von 1832, ein Gründungsort der liberalen Republik, in der wir heute leben.
  • Kohn begegnet ebenso den badischen Traditionen der Freiheitskämpfer um Hecker und Struve,
  • der Mannheimer Familie Bassermann
  • sowie den Traditionen der Remstäler Graswurzel-Demokratie, wie sie vom baden-württembergischen Justizminister Wolfgang Haußmann noch vermittelt werden, der mit Reinhold Maier zusammen nach dem Krieg die Südwest-FDP / DVP gegründet hatte.

Es tobt, als Kohn eintritt, der Kampf zwischen der Mende-FDP und den Jungtürken um Scheel. Kohn ist auf der Seite Scheels. Der Mannheimer Kreisvorsitzende Lorenz Reich, zugleich Inhaber einer herausragenden Künstleragentur, mit der er Udo Jürgens, Catharina Valente oder auch das Sowjetische Staatsballett vertrat, ist der Vertreter der Mende-FDP.

Roland Kohn wird diesen Lorenz Reich später aus dem Amt verdrängen. Und dennoch gelingt ihm auch die Freundschaft zu Lorenz Reich. Und es ist dieser Lorenz Reich, den Roland Kohn zitiert, wenn man ihn nach seiner persönlichen Haltung fragt.

3. Ethos als persönliche Haltung und Selbstverpflichtung

Das ist der dritte Teil des Ethos: Wir nehmen die Traditionen und Konventionen an, mit denen wir unseren Ort in der Welt interpretieren. Wir bekennen uns dazu und verinnerlichen sie. Wir werden zum Träger, zum Gesicht dieser Tradition. Sie geben uns Halt, sie stützen uns, und sie schützen uns, wenn der Wind weht. Ethos wird zur inneren Haltung.

Was also sagte Lorenz Reich, und was hat sich Roland Kohn zu eigen gemacht? In der ersten Begegnung mit Lorenz Reich eröffnete dieser eine Aussprache der Kreismitgliederversammlung:

  • „So, jetzt gibt es freie Aussprache – bei uns Liberalen kann jeder seine Meinung ungeschützt sagen, und ich lade sie ein, dass zu tun.“

Überrascht uns dieses Bekenntnis zum freien Wort? Theoretisch vielleicht nicht, aber praktisch doch oft. Nicht immer steht der sachliche Streit hoch im Kurs in der FDP. Auch wenn er uns eigentlich selbstverständlich scheint. Wie ich selbst immer wieder von Nicht-FDP‘lern erfahre, bewundern sie die offenbar spezifisch liberale Bereitschaft zur Diskussion, zu Rede und Widerrede. Machen wir uns also klar: Die Bereitschaft, sich der Diskussion auszusetzen, Unbestimmtheit und Ungewissheit auszuhalten – sie ist spezifisch liberal.

Dazu passt, was Anfang der 70er Jahre Karl-Hermann Flach gesagt hat, der legendäre FDP-Generalsekretär und für Roland Kohn das Musterbeispiel eines Politikers – intellektuell und konzeptionell stark, praktisch, organisatorisch und strategisch begabt. Kohn würdigte Flach zu dessen 20. Todestag 1993 mit seiner Dreikönigsrede, die fast gänzlich von der Frankfurter Rundschau abgedruckt worden ist.

Karl-Hermann Flach also schrieb in seinem Liberalen Katechismus: „Der Liberalismus weiß, daß der Mensch nicht im Besitz letzter Wahrheiten ist. Er glaubt ihn nur auf der Suche danach. Er weiß, daß der Weg der Erkenntnis mit Irrtümern gepflastert ist und die Wahrheit von heute den Irrtum von morgen umschließt. (…) Es gibt nach seiner Auffassung weder politische Endlösungen noch gesellschaftliche Endzustände. (…) Insofern ist der Liberalismus eine politische Relativitätstheorie.“

Für den freien Austausch der Meinungen ganz unbedingt einzutreten, weil der offene Widerstreit nicht nur die Schule der Verantwortung, sondern auch die Mutter des Fortschritts ist – darin zeigt sich, dass und wie der Freisinn zugleich ein Gemeinsinn ist: Wie die Liebe zur Freiheit der Einzelnen zugleich die Liebe zur immer gefährdeten, aber gemeinsamen Praxis dieser Freiheit wird. Dieses Bekenntnis zum freien Austausch ist, so scheint mir, für Roland Kohn nicht nur zur Selbstverpflichtung, sondern zum Selbstverständnis geworden.

Das hat sich in der Art und Weise niedergeschlagen, wie er unsere Kommission Freiheit und Ethik geführt hat: so offen wie zweckorientiert, so neugierig wie verbindlich, so nachsichtig wie genau und fordernd.

Und das hat sich in der Programmatik niedergeschlagen, der seine Sorge galt – in klugen Anträgen zu ethisch umstrittenen Themen wie dem Tierschutz, der Sterbehilfe und der digitalen Ethik; aber auch grundsätzlichen Stellungnahmen zur Religion in der offenen Gesellschaft, zur ethischen Fundierung der Sozialen Marktwirtschaft und zur Stärkung der liberalen Demokratie.

4. Ethos als Sorge und Projekt

Damit zum letzten Punkt des Ethos – Ethos als tätige Sorge um den Ort, an dem wir leben. An unserem Lebensort begegnen uns Herausforderungen, die uns ermöglichen, das Ethos der ideellen Traditionen und Überzeugungen, die sich bisher bewährt haben, und die wir uns deshalb persönlich zu eigen gemacht haben, fortzuschreiben. Das ist Ethos als Projekt, als Aufgabe, unsere Überzeugungen in einem Akt kreativer Kontinuität der Welt selbst einzuschreiben – zu prüfen, was sich auch in Zukunft bewährt, und zu brechen mit dem, was bloß Zeitgeist war und neu bestimmt werden muss.

Roland Kohn hat kürzlich im Mitgliedermagazin Vierpunktnull der FDP Baden-Württemberg die Themen genannt, die er uns empfiehlt. Wir verstehen sie vor dem Hintergrund seines Ethos jetzt noch besser:

  1. Er rät jungen Leuten, als Demokraten für Verantwortung und Vernunft einzustehen.
    1. Denn Demokratie heißt Selbstregierung, wobei der Staat nur ein Werkzeug ist
    2. Der Widerstreit schult Verantwortung, die wir für uns selbst und unsere Mitmenschen haben
    3. Friedlicher Konfliktaustrag im freiheitlichen Rechtsstaat braucht Achtung und Empathie gegenüber anderen
  2. „Ich wünsche mir, dass die FDP stärker kritische Rationalität in der öffentlichen Debatte einfordert; denn apokalyptisches Denken ist die Vorstufe zum Totalitarismus.“
    1. Das ist eine direkte Ansage gegen die linke Tendenz, den angeblich unvermeidlichen sozialen Niedergang in die Wand zu malen,
    2. und gegen die rechte Rede vom angeblich planmäßigen kulturellen Niedergang des Landes,
    3. aber auch gegen die technokratische Fantasie mancher Klimaaktivisten und deren Flirt mit der Ökodiktatur.
  3. „Ich wünsche mir, dass sie – die FDP – leidenschaftlicher für die parlamentarische Demokratie und für die offene Gesellschaft im Sinne Poppers eintritt“.
  4. Das alles ist aber, so mahnt Kohn, ohne Menschenbildung, ohne die Förderung von Kunst und Kultur nicht zu haben.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, diese Wunschliste Roland Kohns an seine Partei ist keine Wunschliste im Sinne einer Spartenpolitik – etwas Bildungspolitik, etwas Kulturpolitik, ein bisschen Demokratiereform.

Sondern hier geht es um die Erneuerung eines Politikansatzes, für den wir Liberale einstehen – dass offener Widerstreit die Mutter des Fortschritts ist. Und dass das nicht nur für die Entdeckungsprozesse, für Versuch und Irrtum der Wirtschaft gilt, sondern auch für die Lernprozesse, für die Kritik, Korrektur und Kreativität demokratischer Politik.

  1. Ein Liberalismus, der sich um die Wirtschaft kümmert, ist und bleibt entscheidend für den Wohlstand in unserem Land.
  2. Aber der Liberalismus muss sich auch wieder um die Politik, um die Demokratie kümmern. Das ist entscheidend für die Liberalität unseres Landes selbst.
  3. Ich meine, eine FDP, die die Demokratiepolitik vergisst, halbiert den Liberalismus.

Roland Kohn und ich haben gemeinsam in unserem Kommissionsantrag zur Stärkung der liberalen Demokratie an den Bundesparteitag von 2018 wie folgt formuliert:

„Die Selbstverständlichkeiten unserer Demokratie als freiheitlicher Lebensform sind einer schleichenden Erosion ausgesetzt. Der respektvolle Umgang mit Menschen anderer Lebensstile und Meinungen, die Anerkennung von Fakten sowie von Rationalität geprägte öffentliche Debatten gehören aber zum Kernbestand der liberalen Tradition: Freiheit und Verantwortung.

Für uns Freie Demokraten ist die freiheitliche Demokratie im Rahmen der Herrschaft des Rechts das Herzstück liberalen Denkens und Handelns. Die illiberalen Entwicklungen der letzten Jahre sind uns Ansporn, noch entschiedener für die lernende und streitbare Demokratie unserer liberalen Republik einzutreten. Wir wollen eine Trendwende für unsere Demokratie einleiten und das Vertrauen in die Demokratie durch mehr Vertrauen in die Bürger stärken. Zur Weiterentwicklung unserer vielfältigen liberalen Demokratie gehören die Modernisierung des transparenten Bürgerstaates in Zeiten digitaler Lebenswelten, die Stärkung der politischen Bildung und des bürgerschaftlichen Engagements.“

Das allgemeine Anliegen braucht konkrete Innovationen. So seien etwa

  1. Die Amtszeit der Bundeskanzler und der Ministerpräsidenten auf zwei Legislaturperioden zu begrenzen.
  2. Ein neuer Kanal jenseits der Parteien zwischen Deutschem Bundestag und den Bürger geöffnet werden – mit Verweis auf das Verfahren der „Hausparlamente“, die von Pulse of Europe durchgeführt werden, das aber unser eigener Michael Theurer in seiner Zeit als Abgeordneter im Europaparlament zusammen mit dem Demokratieentwickler Raban Daniel Fuhrmann, einem Alt-Stipendiaten der Naumann-Stiftung, entwickelt hat! Ebenso soll das Petitionsrecht um das „Bürgerplenarverfahren“ Max Stadlers erweitert werden.
  3. Der Deutsche Bundestag und die Landesparlamente beschließen – so eine besondere Idee Roland Kohns, dem die Demokratiepotenziale der Digitalisierung am Herzen liegen – „die Einrichtung der digitalen Plattform ‚Transparenz für Bürger‘ auf Open Source-Basis, die alle staatlichen und kommunalen Behörden und Einrichtungen verpflichtet, ihr Handeln künftig im Sinne echter Informationsfreiheit zu dokumentieren. Eine solche Plattform muss in der politischen Bildung hinreichend kommuniziert werden, um eine intensive Nutzung zu gewährleisten.“

Dieses Verständnis der Demokratie als organisierter Lernprozess hat auch Konsequenzen für die Klimapolitik. Denn das Klima der Erde ist ein sehr komplexes System, das von vielen Faktoren beeinflusst wird und dessen Entwicklung nur schwer vorausgesagt werden kann. Niemand kann heute schon genau wissen, welchen Verlauf der Klimawandel nimmt und welche Antworten er morgen erfordert.

Für uns Liberale sollte der Klimawandel deswegen ein gesellschaftliches Lernprogramm werden. Denn im Verlauf des Klimawandels erwarten wir eine Auseinandersetzung über fundamentale ethische Fragen, Fragen verantworteter Freiheit:

  • wie wir weltweit und in Bezug auf Europas Küsten Lasten im Interesse eines freiheitlichen und friedlichen Miteinander teilen
  • wie wir die Durchsetzung weltweiten Rechts und wirksamer Verträge gewährleisten;
  • oder welche solidarischen Leistungen wir Menschen schuldig sind, die durch den Klimawandel ihr Eigentum verlieren oder fliehen.
  • Und so weiter.

All diese Fragen erfordern einen von Vernunft und Fakten, von Augenmaß und Verantwortung und von Verständigung und gegenseitiger Beratung bestimmten Such-, Lern- und Gestaltungsprozess mit vielfältigen Zentren.

Unsere beste Antwort auf Gesinnungsethiker, die nur moralische Imperative postulieren können, lautet: „Besser wissen ist nicht besser machen; und nur besser machen ist am Ende verantwortlich. Liberaler Fortschritt braucht Lernprozesse in Wirtschaft und Politik, die von Offenheit leben:

  • Wettbewerb, Leistung und Belohnung in der Wirtschaft
  • Dialog, Diskurs, Rechenschaftslegung und Wahlen in der Politik.“

Die spezifisch liberale Fortschrittsmethode ist dann offenes Lernen

  • in Institutionen des Rechtsstaates, die dazu anhalten,
  • und durch Individuen und Kollektivakteure, deren Ethos eben jenes liberale Ethos ist
    • des Widerstreits um bessere Lösungen,
    • des Freisinns als Gemeinsinns.

An welches uns Roland Kohn erinnert. Und das mich, und das uns alle zur kreativen Kontinuität verpflichtet.

Lieber Roland Kohn, nicht nur dafür: Herzlichen Dank!“

About Christopher Gohl

Christopher Gohl forscht und lehrt seit 2012 am Weltethos-Institut an der Uni Tübingen zur Entstehung und Wirkung von Werten, zur lernenden Demokratie und zur pragmatistischen Wirtschaftsethik. Zwischen 2005 bis 2010 arbeitete der ausgebildete Mediator als Projektleiter für das Regionale Dialogforum Flughafen Frankfurt, Deutschlands größter Infrastruktur-Mediation, für die Initiative "Wissenschaft im Dialog" und für die Stadt Mannheim zum Leitbild der Bürgerstadt, der Evaluation des Quartiermanagements und dem Stadtbahnausbau. Er promovierte 2011 im Fachbereich Politischer Theorie der Uni Potsdam zur professionellen Gestaltung von politischen Beteiligungsverfahren, wofür er den Stiftungspreis der Demokratie-Stiftung der Universität zu Köln erhielt. Seit 2010 engagiert sich der dreifache Vater in verschiedenen Funktionen professionell und ehrenamtlich für Reformen der innerparteilichen Demokratie und für Demokratiepolitik.

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