Freiheit braucht Fairness

Gerechtigkeit dient der Freiheit: Eine Gesellschaft freier Menschen ist eine gerechte Gesellschaft. Zur liberalen Sicht auf die Gerechtigkeit habe ich im Sommer 2018 in einem Gastkommentar für die Wiener Zeitung eine Perspektive aufgeschrieben, die ich hier dokumentiere.

„Das Gefühl für Gerechtigkeit und ihre Verletzung bewegt Menschen und Gesellschaften – auch uns Liberale. Aber wir halten sie nicht für das wichtigste aller Anliegen; denn das ist die Freiheit der Einzelnen, ihr eigenes Leben nach eigenen Vorstellungen leben zu können. Gerechtigkeit dient der Freiheit: Eine Gesellschaft freier Menschen ist eine gerechte Gesellschaft. Die Freiheit der Einzelnen ist zugleich die Grundlage wie der Maßstab für gerechte Verhältnisse in der Republik.

Gerechtigkeit kommt in vielen Formen – stets aber dient sie der Freiheit

Gerechtigkeit hat viele Formen, deren gemeinsamer Nenner ihr Beitrag zur Freiheit der Einzelnen ist: Bedürfnisgerechtigkeit heißt, existenziellen Bedürfnissen des Einzelnen zu entsprechen und eine Grundlage für Freiheitsfähigkeit zu schaffen. Gleichheit vor dem Gesetz heißt, allen Menschen gleiche Rechte zu geben und damit die Freiheit der Einzelnen zu schützen. Leistungsgerechtigkeit heißt, individuelle Anstrengung zu würdigen. Generationengerechtigkeit heißt Sorge um die Freiheiten kommender Generationen. Und Chancengerechtigkeit meint das Vermögen, zwischen guten Optionen für ein gutes Leben selbst entscheiden zu können. Wir brauchen all diese Formen der Gerechtigkeit, denn keine einzelne Gerechtigkeitsvorstellung allein wird einer liberalen Gesellschaft gerecht.

In welchem Maße welche Freiheiten besonders zu fördern sind, damit wir in einer gerechten, weil für jeden Menschen freien Gesellschaft leben, muss Gegenstand der offenen Auseinandersetzung sein. Dafür wird die Freiheit zum unverzichtbaren Fundament – hier konkret zum Beispiel die Pressefreiheit der „Wiener Zeitung“, die uns ermöglicht, über alle politischen Lager hinweg überhaupt unterschiedliche Wahrnehmungen und Vorschläge zur Konkretisierung von Gerechtigkeit zu diskutieren. Was wir immer wieder neu tun müssen, denn die Erfordernisse der Gerechtigkeit ändern sich, wie sich die Gesellschaft ändert.

Armut, Krankheit oder Abhängigkeit machen unfrei

Für uns Liberale ist Gerechtigkeitspolitik also besser verstanden als Freiheitspolitik. Jeder Versuch, Gerechtigkeit nur an die Sozialpolitiker zu delegieren, oder auf eine bestimmte Anzahl Euro, ein Sozialbudget, einen neidgetriebenen Vergleich von Beiträgen zu reduzieren, springt zu kurz. Klar: Armut, Krankheit oder Abhängigkeit, nicht nur im Alter, vernichten Lebenschancen und machen unfrei. Es ist das oberste Gebot der Freiheitspolitik, diese Unfreiheiten hartnäckig und mit Augenmaß für gesamtheitlich wirksame Lösungen zu bekämpfen. Und das heißt, der Armut an Lebenschancen eine Fülle an Lebenschancen entgegenzustellen.

Dass wir einander immer bessere Lebenschancen für ein selbstbestimmtes Leben gewährleisten, ist die liberale Vorstellung von Fortschritt, die der liberale Soziologe und einstige EG-Kommissar Lord Ralf Dahrendorf – übrigens auch als Freund ein Kritiker von Friedrich August von Hayek, dessen Schriften heuer leider für so viel ressentimentgetriebene Egoisten-Politik missbraucht werden – 1979 zum ersten Mal vorgeschlagen hat. Im gleichen Jahr brachte auch der liberale Ökonom und spätere Nobelpreisträger Amartya Sen sein verwandtes Konzept der „Verwirklichungschancen“ auf den Weg, das er zusammen mit der Moralphilosophin Martha Nussbaum als „Capability Approach“ zur Reife brachte. Dieser Ansatz ist heute Grundlage sowohl des Index der menschlichen Entwicklung als auch des Index der mehrdimensionalen Armut geworden, der wichtigsten Sozialberichte der Vereinten Nationen.

Gerechtigkeit ist dann die Fairness, jeden Menschen gleichermaßen zu befähigen, sich seinen Bedürfnissen, Potenzialen und Leistungen entsprechend in einer freien Gesellschaft frei entfalten zu können. Nicht „Chancengleichheit am Start“, die entweder Illusion bleibt oder Diktatur der Nivellierung ist – sondern Chancengerechtigkeit, ein Leben lang, mit zweiten, dritten und vierten Chancen.

Gerechtigkeit braucht mehr als Sozialpolitik

Schon um dieser fairen Lebenschancen willen ist Gerechtigkeitspolitik für Liberale so viel mehr als Sozialpolitik. Rechtsstaatspolitiker sorgen für Gerechtigkeit mit einer Rahmenordnung, die klares, einfaches, verlässliches und gleiches Recht für jeden gewährleistet – gegen Privilegien oder Pfründe für Lobbyisten, Reiche und Funktionäre. Bildungspolitiker setzen das liberale Bürgerrecht auf Bildung durch, denn eine gut ausgebildete Urteilskraft hilft, Chancen für ein selbstbestimmtes Leben zu nutzen und die Lotterie der Geburt als Schicksalsfrage zu überwinden. Die eigenen Talente, Fähigkeiten und Qualifikationen das ganze Leben über auszubauen und weiterzuentwickeln bietet die beste Gewähr, Teilhabe am Arbeitsleben dauerhaft zu gewährleisten und materiell unbefriedigende Lebenslagen durch Aufstieg zu überwinden.

Für die lebenslange Eröffnung dieser Chancen sind aus liberaler Sicht gerade Unternehmen und stärker als bisher auch die Wirtschaftspolitiker verantwortlich. Wir brauchen wirtschaftlichen Wohlstand als Basis des sozialen Friedens; Einstiegs-, Ausbildungs- und Umstiegschancen auf dem Arbeitsmarkt; und Bedingungen, in denen Unternehmen selbstverständlich ihren Beitrag zu einer freien Gesellschaft leisten: faire Behandlung und leistungsgerechte Bezahlung der Arbeitnehmerschaft, Verantwortung für partnerschaftliche Beiträge zum Gemeinwohl und Innovationen für nachhaltige Produkte und Geschäftsmodelle. Das Wettbewerbs- und Leistungsprinzip verhindert, dass gesellschaftliche Positionen nach Herkunft, Gesinnung oder Geschlecht vergeben werden. Gerade mit Blick auf die Teilhabe von Frauen an Führungspositionen und die Integration von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte ist dieses gesellschaftspolitische Ideal der Aufstiegschancen noch nicht verwirklicht.

Menschen mit Neid, Egoismus und Angst klein machen

In einer Zeit, in der Politiker Menschen wieder gerne mit Neid, Egoismus und Angst klein machen und ins Kollektiv schicken wollen, müssen Liberale in zwei weiteren Feldern Antworten geben, die Menschen wieder groß machen. Erstens: öffentliche Infrastruktur – Räume, in denen Menschen unterschiedlicher Herkunft gleichberechtigt aufeinandertreffen, wo die Teilhabe an der gemeinsamen Res Publica erfahrbar wird.

Und zweitens: ein Ethos von Freisinn und Fairness. Freisinn umfasst als Liebe zur Freiheit der Einzelnen nicht nur Freude an der eigenen Selbstwirksamkeit, sondern auch die Achtung vor der Freiheit anderer und gemeinsinnige Verpflichtung auf die Freiheit aller. Wo wir Fairness vorleben, setzen wir Integrität, Regeltreue und Partnerschaft vor den eigenen Vorteil. Ohne diese Prioritäten vergeht die liberale Republik!“

About Christopher Gohl

Christopher Gohl forscht und lehrt seit 2012 am Weltethos-Institut an der Uni Tübingen zur Entstehung und Wirkung von Werten, zur lernenden Demokratie und zur pragmatistischen Wirtschaftsethik. Zwischen 2005 bis 2010 arbeitete der ausgebildete Mediator als Projektleiter für das Regionale Dialogforum Flughafen Frankfurt, Deutschlands größter Infrastruktur-Mediation, für die Initiative "Wissenschaft im Dialog" und für die Stadt Mannheim zum Leitbild der Bürgerstadt, der Evaluation des Quartiermanagements und dem Stadtbahnausbau. Er promovierte 2011 im Fachbereich Politischer Theorie der Uni Potsdam zur professionellen Gestaltung von politischen Beteiligungsverfahren, wofür er den Stiftungspreis der Demokratie-Stiftung der Universität zu Köln erhielt. Seit 2010 engagiert sich der dreifache Vater in verschiedenen Funktionen professionell und ehrenamtlich für Reformen der innerparteilichen Demokratie und für Demokratiepolitik.

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