Eine liberale Ethik des Klimawandels beginnt mit Weltbürgertum und Selbstkorrektur

Der Klimawandel wirft existenzielle Fragen zum Überleben der Menschheit auf. Gute Antworten darauf gründen letztlich in ethischen Überlegungen, nicht bloß in Gefühlen oder in den Kategorien politischer Machbarkeit. Die globale Aufgabe, den Klimawandel zu bekämpfen, muss uns Liberale demütig machen: Denn sie erfordert auch Selbstkritik und Selbstkorrektur. Wir sehen in ihr aber zugleich eine Chance, liberale Ideen eines in Freiheit verantworteten Zusammenlebens weltweit wirksam zu machen.

Der Klimawandel macht uns alle zu Weltbürgern

Liberale Ethik nimmt jede Generation in die Pflicht, dafür zu sorgen, dass  der riskante, mit Konflikten behaftete Balanceakt der Freiheit der Vielen am Ende zum Treiber des Fortschritts für Alle wird. Das heißt also, die Freiheit zum Veränderungs- und Verbesserungshandeln, die jedem Menschen zukommt, mindestens aufrechtzuerhalten, optimal sogar zu fördern. Der Fortschritt lag für Karl-Hermann Flach in „Mehr Freiheit für mehr Menschen“, für Ralf Dahrendorf in der Erneuerung und Erweiterung von Lebenschancen – also in „besseren Chancen für mehr Menschen.“

Der zu früh verstorbene Soziologe Ulrich Beck hat hat uns mit seinen Schriften zur „Risikogesellschaft“ und der davon getriebenen „Kosmopolitisierung“ aufgezeigt, wie freiheitliches Handeln zu unerwünschten, grenzüberschreitenden und am Ende gar freiheitsfeindlichen Folgen führen kann. Unverantwortete Freiheit kann Fortschritt also auch abschaffen. Für Beck erfordern die negativen Konsequenzen unsers Handeln eine grenzüberschreitende Kooperation zur Korrektur. Sie macht uns in letzter Konsequenz zu Weltbürgern: „In Wahrheit sind wir längst alle Weltbürger, gestehen es uns aber nicht ein.“

Anders gesagt: Kosmpolitismus ist der neue Realismus. Darin erkennen wir ein Echo Immanuel Kants, für den der Fortschritt der Menschheit – den er „in weltbürgerlicher Absicht“ beschrieb – darin bestand, aus Fehlern zu lernen und mit der Etablierung einer internationalen Rechtsordnung institutionelle Konsequenzen zu ziehen.

Photo by Kenn Kiser from FreeImages

Der Klimawandel ist eine Folge letztlich unverantwortlichen Freiheitsgebrauchs

Dass unser Handeln immer wieder unbeabsichtigte und unerwünschte Konsequenzen hat, gehört zum Leben dazu. Erst recht in komplexen und dynamischen Gesellschaften. Diese Einsicht begründet nicht nur die liberale Skepsis gegenüber zentralistischer Planung und Steuerung der Liberalen. Sondern die Absicht, unerwünschte Konsequenzen des Handelns zu vermeiden, steht am Anfang aller Institutionen, Gesetze, Konventionen und Gewissensprüfungen, mit denen wir unseren Handlungsspielraum regulieren und strukturieren, um überhaupt Freiheit für jeden Menschen zu gewährleisten. Erst durch selbstbestimmte Regulierungen wird ansonsten willkürliches Handeln zu wirklich freiheitlichem, nämlich vernünftig verantwortetem Handeln.

Es kann uns also kein Zacken aus der Krone fallen anzuerkennen, dass auch nach bestem Wissen und Gewissen schon verantwortetes Handeln doch noch negative Konsequenzen hat, die wir bisher nicht ausreichend antizipiert und in ein Regulativ unseres Handelns übersetzt haben. Unfreiheitlich wäre es im Gegenteil, negative Konsequenzen auszublenden und sich nicht um die Korrektur des bisherigen Handelns zu kümmern: Das wäre die Verweigerung des Fortschritts der besseren Lebenschancen für mehr Menschen. Dass zentralistisches Handeln die beste Form der Korrektur ist: Daran zweifeln Liberale prinzipiell (und meistens, aber nicht immer, mit guten Gründen). Dass aber Fortschritt durch vernünftige Handlungskorrekturen weitflächig möglich ist: Da sind Liberale Optimisten.

Kritik und Korrektur beginnen mit Selbstkritik und Selbstkorrektur

Liberale Antworten kommen an der Einsicht nicht vorbei, dass der Klimawandel ohne Zweifel zu den negativen Konsequenzen der bisherigen Erfolgsgeschichte liberaler Ideen gehört: wachsende Weltwirtschaft, erfolgreiche Industrialisierung, Freihandel und Individualisierung. Zur Beschlusslage der FDP (Beschluss Liberale Klimapolitik des 70. Bundesparteitags) gehört dankensweiterweise das Bekenntnis, dass ausreichend belegt ist, „dass die heutigen Klimaveränderungen auf Einflüsse des Menschen zurückzuführen sind. Manche Wissenschaftler sprechen vom ‚Anthropozän‘ als einer neuen Epoche der Erdgeschichte: Die Menschheit ist zu einem entscheidenden Faktor geworden, der unseren Planeten und seine Umwelt verändert. Weil das zu korrigieren ist, ist Klimapolitik für Liberale ein selbstverständliches zentrales Anliegen. Zugleich ist es eine Menschheitsaufgabe, die Erderwärmung zu begrenzen.“

Diese Einsicht ist ein guter Anfang. Machen wir uns als Weltbürgerinnen und Weltbürger an die Arbeit.

About Christopher Gohl

Christopher Gohl forscht und lehrt seit 2012 am Weltethos-Institut an der Uni Tübingen zur Entstehung und Wirkung von Werten, zur lernenden Demokratie und zur pragmatistischen Wirtschaftsethik. Zwischen 2005 bis 2010 arbeitete der ausgebildete Mediator als Projektleiter für das Regionale Dialogforum Flughafen Frankfurt, Deutschlands größter Infrastruktur-Mediation, für die Initiative "Wissenschaft im Dialog" und für die Stadt Mannheim zum Leitbild der Bürgerstadt, der Evaluation des Quartiermanagements und dem Stadtbahnausbau. Er promovierte 2011 im Fachbereich Politischer Theorie der Uni Potsdam zur professionellen Gestaltung von politischen Beteiligungsverfahren, wofür er den Stiftungspreis der Demokratie-Stiftung der Universität zu Köln erhielt. Seit 2010 engagiert sich der dreifache Vater in verschiedenen Funktionen professionell und ehrenamtlich für Reformen der innerparteilichen Demokratie und für Demokratiepolitik.

1 Response

  1. […] Weil wir das Primat der Freiheit für jeden Menschen dauerhaft garantieren wollen, ist es für uns Liberale ein steter ethischer Auftrag und zentrale politische Aufgabe, die negativen Folgen unseres Handelns zu korrigieren. Der vor Mitwelt, Umwelt und Nachwelt verantwortete Gebrauch der Freiheit – die kreativ „verantwortete Freiheit“ – wird zum Treiber des Fortschritts. Er vollzieht sich im Dialog als dem Austausch freier und gleichberechtiger Menschen, die voneinander lernen. Dialogische Kritik wird zur Voraussetzung für Kreativität und Korrektur, für Innovation und Transformation, kurz: für verantworteten Fortschritt. Zum Beispiel, dringend, in Klimafragen. […]

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