Herzliche Glückwünsche, lieber Heinz Kleger!

Heute hat mein Doktorvater Prof. Dr. Heinz Kleger Geburtstag – ein außerordentlich beispielgebender, öffentlich philosophierender Denker der verantworteten Freiheit. Viele aktive Politiker sind durch seine Seminare und Denk-Schulung gegangen, etwa Klara Geywitz, Joachim Stamp, der Potsdamer Ex-Oberbürgermeister Jann Jacobs oder Hubertus Heil. Er versteht – und praktiziert öffentlich zum Mitmachen – politische Theorie als praktische Philosophie der Bürgergesellschaft. Das ist ein einzigartiger und sehr fruchtbarer Zugang, der mir den Mut gegeben hat, meinen eigenen Weg als praktizierender Pragmatist zu gehen (und zum Beispiel diesen Blog zu starten). Ich verdanke ihm so viele Ideen und Perspektiven! Gerade auch zur Freiheit, Toleranz und der Demokratie als Lebensform.

Klegers autobiograpischen Gedanken: Eine Einführung in sein politisches Denken

Anspruch der politischen Theorie ist es aus Sicht Heinz Klegers, „Schule der Urteilskraft“ von Bürgern und politisch Handelnden zu sein. Er versteht politische Theorie als praktische bürgerschaftszentrierte Philosophie. Das hat eine lange Tradition. In der Antike ging es dabei um das gute und sittliche Handeln im Rahmen einer Polis. Es geht dabei um zwei verwandte Fragen: 1. nach dem richtigen Handeln, 2. nach einer diesem Handeln entsprechenden politische Ordnung. Kant hat die Frage praktischer Philosophie dann in seiner „Logik“ auf die Frage „Was soll ich tun?“ zu gespitzt. Wer politisch handelt, muss in diesem Verständnis ethische Maßstäbe in konkreten Problemsituationen anwenden.

Kleger schließt daran an. Er versteht praktische Philosophie als eine Vermittlung zwischen dem Fokus und dem Fundus bürgergesellschaftlichen Handelns. Praktische bürgerschaftszentrierte Philosophie ist für ihn ein lokal und zeitgeschichtlich situiertes, hermeneutisches Verfahren zur Stärkung bürgerschaftlicher Urteilskraft:

  • Im Fokus stehen Probleme politischen Handelns selbstständig denkender Bürger – also bürgergesellschaftliche, oder konkreter: bürgerschaftliche Probleme.
  • Sie sind mit dem substanziellen Fundus politischen Denkens, einschließlich der Beiträge politik-, kultur- und sozialwissenschaftlicher Theoriebildung, in einem beispielhaften Abwägungsprozess zu vermitteln.

Politische Theoretiker, die sich in diesem Sinne als praktische Philosophen begreifen, begreifen sich gleichzeitig als Bürger ihrer Stadt, ihrer Region oder ihres Landes. Sie wissen, dass jeder Theoretiker – auch der empirisch-analytische Politikwissenschaftler – zugleich politischer Akteur ist, weil er als Intervent die kognitive Ordnung verändert und auf die Wahrnehmung sozio-politischer Wirklichkeit einwirkt (nach Herfried Münkler). Jenseits des Schreibtischs des einsamen Denkers ist eine solche Aufklärung also noch angemessener in der Teilnahme an der öffentlichen Auseinandersetzung zu leisten.

Heinz Kleger hat dies beispielhaft in dem von ihm maßgeblich initiierten organisierten Dialog „Toleranzedikt als Stadtgespräch“ der Stadt Potsdam seit 2008 selbst demonstriert – ein tolles Vorbild für jede Form bürgerschaftszentrierter politischer Philosophie. Dabei entstand ein „Neues Potsdamer Toleranzedikt“ und ein Verein, der die Arbeit weiterführt. Er setzt seine Arbeit als Inspirator und Gastgeber öffentlicher Gespräche jetzt als Moderator über Nachwende-Biographien im Osten fort.

Kleger beschreibt die Teilnahme an organisierten öffentlichen Auseinandersetzungen in Abgrenzung von der Diskurstheorie nicht als Teilnahme an Diskursen, sondern als Teilnahme an „organisierten Dialogen“. Sie gelten ihm als „Kunstgriff politischer Aufklärung“, mithin als „Kunstgriffe der Politik“. Organisierte Dialoge thematisieren öffentliche Angelegenheiten und bieten Beiträge zur Orientierung an. Darüber habe ich meine Doktorarbeit „Prozedurale Politik am Beispiel organisierter Dialoge“ geschrieben, die mit dem Stiftungspreis der Demokratie-Stiftung der Universität zu Köln ausgezeichnet wurde.

Eine sich lokal in ihrer Zeit engagierende Theoriebildung versteht Kleger als eine „genuin politische Theorie“, und präziser, wo sie sich in der Teilnahme an einem politischen Dialog begreift, als eine „demokratisch gesonnene Theorie“, deren Vorbild Kleger im Eklektiker als einer zentralen Figur der Aufklärung erkennt. Er erinnert an Diderots Charakterisierung des Eklektikers als eines Menschen, der es „wagt, selbstständig zu denken… kein Ding anzuerkennen ohne das Zeugnis seiner Erfahrung und seiner Vernunft“, und der letztlich dahin strebt, „aus allen Philosophien, die er rücksichtslos und unvoreingenommen untersucht hat, eine besondere, ihm eigentümliche Hausphilosophie zu bilden.“

„Wir philosophieren heute, nicht gestern, nicht morgen und auch nicht, metaphysisch, in der Ewigkeit“, so Kleger. Fokus und Fundus praktischen Philosophierens verklammert Kleger in einer „‚allgemeine’[n] oder zumindest allgemein interessierende[n] Theorie der Bürgergesellschaft, die aus dem politischen Denken innerhalb der gesellschaftlich-kulturellen Selbstverständigung einer bestimmten Zeit und Region stammt. Diese Klammer steht zwischen Philosophie und Geschichte, sie qualifiziert die politische Theorie wie ihre bürgergesellschaftliche Politik als praktische Philosophie in aufklärender Absicht“.

Ich teile diese Vorstellung. Überall, wo ich versucht habe und versuche, politisches Denken öffentlich zu organisieren und zugänglich zu machen – ob als Projektleiter des politischen Mediationsprozesses zum Ausbau des Frankfurter Flughafens zwischen 2005 und 2008, als Organisator der Grundsatzprogramm-Debatte der FDP 2010-2012 oder in kleineren Projekten wie dem Stadtgespräch Cyber Valley in Tübingen, selbst in einer Vorlesungsreihe im Studium Generale zu „Weltethos für das 21. Jahrhundert“ – bin ich ein Schüler Heinz Klegers.

Lieber Heinz! Herzlichen Dank! Und auf viele weitere, gute Gespräche!

About Christopher Gohl

Christopher Gohl forscht und lehrt seit 2012 am Weltethos-Institut an der Uni Tübingen zur Entstehung und Wirkung von Werten, zur lernenden Demokratie und zur pragmatistischen Wirtschaftsethik. Zwischen 2005 bis 2010 arbeitete der ausgebildete Mediator als Projektleiter für das Regionale Dialogforum Flughafen Frankfurt, Deutschlands größter Infrastruktur-Mediation, für die Initiative "Wissenschaft im Dialog" und für die Stadt Mannheim zum Leitbild der Bürgerstadt, der Evaluation des Quartiermanagements und dem Stadtbahnausbau. Er promovierte 2011 im Fachbereich Politischer Theorie der Uni Potsdam zur professionellen Gestaltung von politischen Beteiligungsverfahren, wofür er den Stiftungspreis der Demokratie-Stiftung der Universität zu Köln erhielt. Seit 2010 engagiert sich der dreifache Vater in verschiedenen Funktionen professionell und ehrenamtlich für Reformen der innerparteilichen Demokratie und für Demokratiepolitik.

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