Zur Liberalen Agenda 2030: Freiheit als Verantwortung

Ich meine, der Liberalismus steht vor einem Jahrzehnt der Bewährung: Entweder gelingt es, mit und durch eine freiheitliche Lebensweise den Problemdruck des (ökologischen wie politischen) Klimas in einen Fortschrittsschub umzuwandeln, oder wir erleben einen Überlebenskampf, dessen Zivilisationsbrüche wir uns noch gar nicht vorstellen wollen.

Zentrale Aufgabenfelder sind dabei die Wirtschaft und die Demokratie. Deren Betriebssysteme müssen auf dem Code der verantworteten Freiheit laufen, der Prozesse von Versuch, Irrtum und Innovation (Wirtschaft) oder Kritik, Korrektur und Kontrolle (Politik) gewährleistet.

Freiheit heißt Vernunft und Verantwortung

Das erfordert, dass wir auf einem (erwachsenen) Freiheitsbegriff bestehen, der Freiheit zur Verantwortung bedeutet, nicht Freiheit zur Unverantwortung; der sich also demokratisch, republikanisch, gesellschaftlich bewährt. Verantwortung ist nicht Minus, sondern Bedingung von Freiheit — weil andernfalls das, was dann fälschlich Freiheit genannt wird, bloße Rücksichtslosigkeit ist. Verantwortete Freiheit heißt nicht fehlerfreie oder perfekte Freiheit; sondern: nach bestem Wissen und Gewissen vernünftige Vermeidung von negativen Konsequenzen unseres Handelns auf Andere; Lernen aus Fehlern und Feedback; also: Offenheit für Kritik und Korrektur.

Übrigens: In seiner Dreikönigsrede 2020 hat Christian Lindner diese anspruchsvolle Definition von Freiheit übernommen — Freiheit als Vernunft und Verantwortung. Im Hinblick auf die Erneuerung des FDP-Leitbildes lud er die Vielfalt liberaler Perspektiven ein, groß zu denken Beiträge zu leisten zu einer Agenda, die uns Liberale über alle Unterschiede hinweg eint: “Das Vertrauen auf die Vernunft und das Verantwortungsgefühl, in anderen Worten: die Freiheit eines jeden Einzelnen!” (direkter Link an diese Stelle der Rede im Youtube-Video hier.)

Christian Lindner ab 1:04:18 zum gehaltvollen Freiheitsbegriff, der uns als Liberale eint

Verantwortung auf allen Ebenen

Es wäre freilich eine Überforderung, vom einzelnen Menschen zu jedem Zeitpunkt eine ethische Reflektion zu verlangen, die einen verantworteten Freiheitsgebrauch sicherstellt. Wir dürfen uns auch auf Automatismen der Verantwortung verlassen — auf gute individuelle Gewohnheiten, gemeinschaftliche Gepflogenheiten und gesellschaftliche Institutionen. Verantwortung als Modus der Freiheit kommt in vielen Formen auf vielen Ebenen:

  • in der Form von Freiheitstugenden (Mikro: individuelle Verantwortung)
  • in der Form einer freiheitliche (Streit-)Kultur, in der Freisinn das gleiche wie Gemeinsinn ist (Meso: gemeinschaftliche Konventionen);
  • und in der Form von freiheitlichen Institutionen und Gesetzen, auch auf europäischer und Weltebene (Makro).

Freiheit als Verantwortung zu begreifen ist keine bloße (implizite) Absage an Nachsicht für Egoismus und Verzagtheit. Sondern es ist eine Einladung zu gemeinsamen Lernprozessen. Wir Liberalen müssen die Erwachsenen im Raum sein und alle dabei willkommen heißen, die Veränderung verantworten wollen – in der „lernenden Demokratie“ ebenso wie in der „lernenden Wirtschaft“!

Daraus folgt unter Anderem: republikanische Klimapolitik und Kapitalismuskritik

Was dann nicht mehr geht:

  • Nur auf die Wirtschaft und Ingenieure setzen, um den Klimawandel zu bewältigen; im Gegenteil brauchen wir brauchen alle Ebenen der Verantwortung, gerade auch die bürgerschaftliche / demokratische.
  • Die bestehende „freiheitliche Lebensweise“ vor Veränderungen zu beschützen; im Gegenteil muss die freiheitliche Lebensweise der Treiber der verantwortlichen Veränderung werden (und sich dafür selbst verändern); und das dürfen und müssen wir von Bürgern auch einfordern – aber eben als Einladung und freundliche Zumutung der Verantwortung, nicht als Verbotspartei;
  • Liberalismus bloß als politischen Arm des Individualismus zu verstehen; im Gegenteil muss es uns darum gehen, Freiheit miteinander füreinander zu gewährleisten;
  • Liberalismus bloß als politischen Arm des Kapitalismus zu verstehen; im Gegenteil muss es uns darum gehen, den Kapitalismus jederzeit liberal zu zivilisieren – und das schließt liberale Kapitalismus-Kritik mit ein;
  • Freiheit bloß zu verteidigen; im Gegenteil ist die beste Verteidigung der Freiheit ihr Erfolg bei der Bewältigung der Herausforderungen, was aber – ich wiederhole mich – ihren stets verantwortlichen Gebrauch voraussetzt.

Wie der Philosoph Claus Dierksmeier sagt: Freiheit ist uns nicht einfach gegeben, sondern aufgegeben – Freiheit verpflichtet, Verantwortung befreit!

About Christopher Gohl

Christopher Gohl forscht und lehrt seit 2012 am Weltethos-Institut an der Uni Tübingen zur Entstehung und Wirkung von Werten, zur lernenden Demokratie und zur pragmatistischen Wirtschaftsethik. Zwischen 2005 bis 2010 arbeitete der ausgebildete Mediator als Projektleiter für das Regionale Dialogforum Flughafen Frankfurt, Deutschlands größter Infrastruktur-Mediation, für die Initiative "Wissenschaft im Dialog" und für die Stadt Mannheim zum Leitbild der Bürgerstadt, der Evaluation des Quartiermanagements und dem Stadtbahnausbau. Er promovierte 2011 im Fachbereich Politischer Theorie der Uni Potsdam zur professionellen Gestaltung von politischen Beteiligungsverfahren, wofür er den Stiftungspreis der Demokratie-Stiftung der Universität zu Köln erhielt. Seit 2010 engagiert sich der dreifache Vater in verschiedenen Funktionen professionell und ehrenamtlich für Reformen der innerparteilichen Demokratie und für Demokratiepolitik.

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