Die Unzumutbarkeit der Freiheit

Wenn es eine Geschichte gibt, die zugleich Größe und Kleinheit des modernen Menschen auf den Punkt bringt, dann wohl die Erzählung vom „Verrückten auf dem Marktplatz“, das berühmte „Gott ist tot!“ Schauen wir uns diese Geschichte aus „Die fröhliche Wissenschaft“ (1882) einmal an:

„Habt ihr nicht von jenem tollen Menschen gehört, der am hellen Vormittag eine Laterne anzündete, auf den Markt lief und unaufhörlich schrie: Ich suche Gott! Ich suche Gott!

Da dort gerade Viele von Denen zusammenstanden, welche nicht an Gott glaubten, so erregte er großes Gelächter. Ist er denn verloren gegangen? sagte der eine. Hat er sich verlaufen wie ein Kind? sagte der Andere. Oder hält er sich versteckt? Fürchtet er sich vor uns? … so schrien und lachten sie durcheinander.

Der tolle Mensch sprang mitten unter sie und durchbohrte sie mit seinen Blicken. „Wohin ist Gott?, rief er, ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet, ihr und ich! Wir alle sind seine Mörder!

Friedrich Nietze (1844-1900), Quelle: http://www.wikipedia.org

Aber wie haben wir das gemacht? Wer gab uns den Schwamm, um den ganzen Horizont wegzuwischen? Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? Stürzen wir nicht fortwährend? Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und noch mehr Nacht? Gott ist tot! Und wir haben ihn getötet!“[1]

Was beschreibt Nietzsche hier? Es ist der Weg des modernen Menschen. Gott „getötet“ zu haben und seitdem etwas haltlos durch die Geschichte zu taumeln.

Die Entstehung des modernen Menschen

Wenn wir den modernen Menschen erklären wollen, müssen wir da anfangen, wo er noch nicht modern war: im Mittelalter. Der Mensch des Mittelalters lebte in einer Welt, in der alles mit geistigen Mächten aufgeladen war: Gott, Engel, Dämonen. Wohin der Mensch auch ging, er war nie allein, sondern immer umgeben von diesen geistigen Mächten. Der Mensch selbst, die ganze Welt, die ihn umgibt: alles wurde auf diese geistigen Mächte hin gesehen.

Am Ende des Mittelalters beginnt dieses Weltbild zusehends zu bröckeln. Diese magische Welt bekommt Risse. Die Macht dieser geistigen Wesen schwindet, dafür wird etwas anderes stärker und immer wichtiger: der Mensch selbst. Das Mittelalter endet im 15. und 16. Jahrhundert, als der Mensch sich selbst entdeckt, seine Individualität, seine großen Möglichkeiten.

Das Ergebnis ist die Renaissance, der Wille, die Größe des Menschen zu zeigen, dann schließlich auch die Reformation als der Wille, dass der einzelne Mensch und sein Glaube entscheidend ist. Der Mensch interessiert sich immer mehr für sich, dann auch immer mehr für die Natur. Erst wenn das, was in der Natur passiert, nicht mehr als von Geistern und Dämonen verursacht gesehen wird, interessiert man sich für die „natürlichen“ Kräfte, die dort wirken: die modernen Naturwissenschaften entstehen.

Die Entwicklung der frühen Moderne ist folgende: eine religiös-spirituell aufgeladene Welt, in der alles von übernatürlichen Mächten dominiert ist, verschwindet schrittweise. Der Mensch deutet sich und die Welt nicht mehr auf diese Mächte hin, sondern nimmt sich zusehends als Individuum wahr und versucht, sich und die Welt ohne diese Mächte zu erklären. Höhepunkt dieser Entwicklung ist die Europäische Aufklärung. Mit Leuten wie Kant an der Spitze entsteht eine menschliche Vernunft, die in der Lage ist, ein konsistentes nichtreligiöses Menschen- und Weltbild vorzulegen.

Zeitgleich wird aber auch die Schattenseite immer deutlicher: während einerseits das Individuum immer mehr in den Vordergrund rückt, Wissenschaft und Technik immer weiter voranschreiten, entsteht bei vielen Menschen das Gefühl innerer Heimatlosigkeit. Die alte Geborgenheit früherer Zeiten scheint dahin und wird umso mehr herbeigesehnt, je schneller und vernünftiger die Gesellschaft wird. Die Romantik in Deutschland Anfang des 19. Jahrhunderts ist wesentlicher Ausdruck dieser Entwurzelung.

Nietzsche ist nun derjenige, der diese Entwurzelung formuliert und gleichzeitig das ambivalente dieser ganzen Entwicklung zur Sprache bringt: einerseits die eigene Vernunft an die Stelle Gottes setzen zu können („Gott ist tot!“), andererseits deshalb aber jeden Halt verloren zu haben: „Wohin bewegen wir uns? Stürzen wir nicht fortwährend? Gibt es noch ein Oben und ein Unten?“

Nietzsche beschreibt damit den modernen Menschen. Und damit beschreibt er auch die Grundproblematik des Liberalismus. Denn die Entwicklung, die seit dem Mittelalter in Europa zur Entstehung des modernen Menschen führt, ist die Geschichte des Liberalismus.

Der Mensch entdeckt schrittweise seine Individualität und seine Rationalität, seine Möglichkeiten, seinen Glauben an die Macht des Einzelnen. Das sind die Wurzeln des Liberalismus. Der Liberalismus ist die politische Ausformung dieses Menschen- und Weltbilds.

Die Geschichte lehrt uns aber auch, dass diese Individualisierung – und damit auch der Liberalismus – eine Schattenseite hat. Ein Mangel an Geborgenheit, ein Mangel an innerer Sicherheit, auch ein Mangel an Wärme und Mitmenschlichkeit. Das, was die Romantik an Aufklärung und Fortschritt kritisiert, ist ja ein Hinweis auf die Gebrochenheit des modernen Menschen, dem auf der einen Seite alles möglich ist, der aber auf der anderen Seite an der Fülle seiner Möglichkeiten verzweifelt. Der auf der einen Seite in einem historisch vorher nie möglichen Ausmaß frei ist und gleichzeitig an dieser Freiheit verzweifelt.

Diese Dinge beobachtet Nietzsche bereits im 19. Jahrhundert, und diese Dinge haben sich in den letzten Jahrzehnten verschärft. Die Stichworte sind Digitalisierung und Globalisierung. Zum einen galoppiert der Fortschritt in einer eigentlich unvorstellbaren Geschwindigkeit. Das menschliche Wissen verdoppelt sich alle paar Jahre, jeder Mensch ist mit jedem Menschen auf dem Globus irgendwie vernetzt. Die Welt wird zu einer Welt immer unbegrenzterer Möglichkeiten. Zugleich wächst aber auch das Unbehagen: Wertesysteme jeder Art geraten ins Wanken, Dinge, an denen man sich bis dahin orientieren konnte, fangen an zu schwimmen.

Die Postmoderne sagt: es gibt die große Erzählung nicht mehr. Aber die Menschen brauchen eine.

Die Folge, wie in der Romantik: Rückzug in die eigene Welt, die eng und begrenzt ist und Geborgenheit bietet. Das Internet und die neuen Technologien bieten diese abgeschlossenen Welten. So kann ein Trump zum Präsidenten der USA werden, ohne nach den Kriterien der normalen politischen Welt zu funktionieren: er funktioniert in der Blase seiner Anhänger, das zählt.

Auf dem ganzen Globus wählen Menschen freiwillig Leute, von denen sie wissen, dass sie lügen, skandalbehaftet oder sogar kriminell sind. Sie wählen sie, weil diese Leute eine Erzählung bieten und keine abstrakte Idee wie „Freiheit“ oder „Demokratie“, die eventuell sogar die persönlichen Werte und Leidenschaften in Frage stellen würde.

Der zwiespältige Liberalismus

Was heißt all dies für den Liberalismus?

Erst einmal muss er um diese seine Geschichte wissen, um sich selbst zu verstehen. Er ist die politische Ausformung des modernen, selbstbewussten und nach vorne gewandten Menschen und erzeugt deshalb bei vielen Menschen Distanz, Angst oder sogar Abscheu. Der Liberalismus steht eben nicht nur für die schönen Seiten des Fortschritts, sondern auch für die Schattenseiten: Verlust von Geborgenheit und Sicherheit, Überrolltwerden von Komplexität und Geschwindigkeit.

Damit wird eine sehr tiefe Ebene berührt. Ein Mensch, der in den USA Trump wählt oder in Deutschland die AfD tut dies nicht, weil er nicht wüsste, dass er sich damit im Zweifelsfall gegen die Demokratie entscheidet. Sondern er tut dies, weil die Werte, für die Trump oder die AfD stehen, ihm wichtiger sind als die Demokratie, gerade weil sie gegen Offenheit, Moderne und Liberalismus stehen.

Die Menschen wählen Trump oder die AfD, weil sie keine Lust haben, dass eine freiheitliche Gesellschaft die Werte kaputt macht, die ihnen wichtig sind. Die Freiheit ist etwas Unzumutbares, weil sie dazu führt, dass das, was diesen Menschen Geborgenheit gibt, das Nicht-Moderne, das Nicht-Globalisierte, das Nicht-Liberale zerstört wird. Deshalb nehmen diese Menschen die Freiheit als etwas Bedrohliches und Unzumutbares wahr. Entsprechend macht es keinen Sinn, diese Menschen darauf hinzuweisen, dass ihr Wahlzettel die Stabilität der Demokratie gefährdet. Entweder ist es ihnen egal oder es ist sogar von ihnen gewünscht.

Die Entwicklung des Individuums und dessen politische Transformation im Liberalismus ist eine notwendige Entwicklung. Denn erst sie erlaubt es, dass der Mensch als Einzelner in seiner Würde und in seiner Freiheit über sein Leben bestimmt und sein Leben entfaltet. Diese Entwicklung bedeutet nicht, dass der Einzelne über allem steht, aber sie bedeutet, dass jede gesellschaftliche Lebensform, jede Ideologie, Religion und Weltanschauung immer aus der Perspektive des Einzelnen betrachtet werden muss, nicht umgekehrt.

Diese Entwicklung ist notwendig, wenn die Würde des Menschen ernstgenommen werden soll. Sie ist notwendig, aber sie hat auch eine Schattenseite und diese muss wahrgenommen werden: der Gewinn von Freiheit ist zugleich ein Verlust an innerer Sicherheit, die ein festes Weltbild vermittelt – sei es religiös oder areligiös.

Geschichte und Gegenwart des Liberalismus sind von dieser Bipolarität gekennzeichnet: einerseits den Menschen als Individuum und seine Freiheit in den Vordergrund zu stellen, aber andererseits gerade durch diese Verwirklichung individueller Freiheit immer mehr Menschen gegen diese Freiheit einzunehmen.

Liberale Selbsterkenntnis

Für den politischen Liberalismus ergibt sich daraus erst einmal die Konsequenz, dieses Unbehagen vieler Menschen ernst zu nehmen und nicht nur als Bildungslücke oder mangelnde Intelligenz abzutun. Der eigene Wunsch nach Unfreiheit – wie auch immer er verortet ist – hat nichts mit mangelnder Bildung oder mangelnder Intelligenz zu tun, sondern ist eine andere Ebene als die kognitive. Deshalb ist es auch nicht möglich, religiöse und weltanschauliche Fragen nur auf der logischen Ebene zu behandeln. Die Ebene ist eine tiefere und das muss erst einmal zur Kenntnis genommen und respektiert werden. Dies ist der erste Schritt, und dieser Schritt ist erst einmal eine Selbsterkenntnis des Liberalismus und damit eine Haltungsfrage des liberalen Politikers, der diesen Wunsch nach Unfreiheit ernst nehmen muss.

Individuum nicht nur individuell

Der zweite Schritt ist dann ein inhaltlicher: das Individuum stärker als bisher auf seine gesellschaftliche und bürgerliche Verantwortung hin zu definieren. Liberalismus darf nicht auf das Thema Wirtschaft reduziert werden. Das Individuum darf nicht auf seinen Egoismus hin beschrieben werden, wie es oft von außen interpretiert wird. Liberalismus heißt und hieß nie, dass nur das Individuum zählt. Dies würde in eine gesellschaftliche Anarchie münden.

Immanuel Kant (1724-1804), Quelle: http://www.wikipedia.org

Immanuel Kant beschrieb den Menschen als ein Wesen, das im Sinne des Liberalismus zu einem mündigen Wesen werden soll, das seine Vernunft gebraucht und über sein Leben bestimmt. Aus diesem vernünftigen und mündigen Leben erwächst dem Menschen jedoch auch eine Verantwortung, die er als Verpflichtung gegenüber den anderen Menschen und der Gesellschaft hat:

Der Mensch ist durch seine Vernunft bestimmt, in einer Gesellschaft mit Menschen zu sein, und in ihr sich durch Kunst und Wissenschaft zu kultivieren, zu zivilisieren und zu moralisieren.“[2]

Anders kann eine liberale Gesellschaft nicht funktionieren.

Die Europäische Aufklärung beschreibt, wie der Mensch in seiner Freiheit und in einer freien Gesellschaft Halt finden kann. Durch Vernunft und Dialog. Durch Bildung und gegenseitige Verantwortung. Durch Toleranz und eigene Haltung. Durch Kritik und Selbstkritik. Durch Bürgersinn und Konstruktivität. Nur so kann Freiheit gelingen, nur so ist Freiheit zumutbar und nur so darf der Liberalismus von Freiheit sprechen.

Der politische Liberalismus muss sich eingestehen, weder die Ängste der Menschen vor der Freiheit ernstgenommen zu haben, noch die von der Europäischen Aufklärung beschriebene soziale Verantwortung des Individuums. Beides gehört zusammen, denn die Verantwortung des Individuums ist es, die den Mitmenschen nicht zu einem hilflosen Wesen verkümmern lässt und dem Mitmenschen hilft, die eigene Freiheit als zumutbar wahrzunehmen.

Liberale Haltung

Hierbei geht es in erster Linie nicht um konkrete Handlungsanweisungen, sondern um eine Frage der Grundhaltung des liberalen Menschen und besonders des liberalen Politikers, das Unbehagen vieler Menschen an der Freiheit nicht mit Arroganz oder Missachtung wegzuwischen, sondern ernst zu nehmen. Dieses Unbehagen an der Freiheit ist keine vorübergehende Angelegenheit, die erst vor wenigen Jahren entstanden ist, sondern etwas, das so alt ist wie die mögliche Realisierung persönlicher Freiheit in den europäischen Gesellschaften seit der Aufklärung.

Umso wichtiger ist es für eine liberale Partei, diese Problematik ernst zu nehmen, da es ihr nur so gelingen kann, in breiten Teilen der Bevölkerung Rückhalt zu finden, nicht nur bei denen, die ihre Freiheit bereits gut zu nutzen wissen, sondern auch bei denen, die die Freiheit als ihre eigene große Chance noch entdecken und erarbeiten müssen.

Wohin bewegen wir uns? Stürzen wir nicht fortwährend? Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden?

Diese Fragen stellt Nietzsche auch heute. Hat der Liberalismus darauf Antworten?


[1] Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft, S. 126f.

[2] Kant, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht, S. 321.

About Michael Rasche

PD Dr. Dr. Michael Rasche ist tätig als Dozent für Philosophie und Unternehmensberater. 2015/16 hatte er die Professur für Philosophische Grundfragen der Theologie an der KU Eichstätt-Ingolstadt inne. Seit 2016 ist er Mitglied der FDP und dort tätig im NRW-Landesfachausschuss "Offene Gesellschaft" sowie im Bundesfachausschuss "Ethik und Freiheit". Er lebt mit seiner Frau und seinem Sohn in Rotterdam in den Niederlanden. Weitere Informationen zu Michael Rasche: www.michaelrasche.eu.

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