„Freiheit macht Zukunft – Thesen zu Auftrag und Methode liberaler Erneuerung in Demokratie, Wirtschaft, Wissenschaft und Europa“: So heißt der Dresdner Beschluss der Kommission Freiheit und Ethik der FDP vom 1. November 2025. Er ist ein Beitrag zur Ausrichtung der FDP und einer freiheitlichen Politik der Mitte. Hier wird der Beschluss noch vor seiner Veröffentlichung begründet und vorgestellt.
Freiheit ist keine Ideologie, sondern eine Methode, die wirkt
Freiheit ist nicht nur das, was wir verteidigen, sondern vor allem das, womit wir gestalten. Sie ist nicht Besitzstand, sondern Produktivkraft. Liberale haben die beste Methode, aus Problemen Fortschritt zu machen – die Methode der verantworteten Freiheit: Produktive Konflikte statt unterdrückte Widersprüche; fairer Wettbewerb statt zentralistische Vorgaben; neugierige Experimente statt starre Pläne; geordnete Offenheit statt ideologische Geschlossenheit; organisierte Vielfalt statt erzwungene Einheit.
Das ist die Leitidee des Dresdner Beschlusses „Freiheit macht Zukunft – Thesen zu Auftrag und Methode liberaler Erneuerung in Demokratie, Wirtschaft, Wissenschaft und Europa“ der Kommission Freiheit und Ethik der FDP vom 1. November 2025 (Stand 2. November: Noch in editorischer Überarbeitung).
Obwohl die FDP wie viele liberale Parteien zwischen Warschau und Los Angeles in der Defensive ist, ist der Dresdner Beschluss keine Verteidigungsschrift, sondern ein offensives Manifest. Als Meilenstein vieler intensiver Diskussionen der vergangenen Jahre ist er eine moderne Synthese des klassisch liberalen Projekts, die Freiheit der Einzelnen zu schützen; der ordoliberalen Einsicht in die Produktivität geordneter Freiheit; und des sozialen Anliegens eines Liberalismus der Lebenschancen. So ist er Ausdruck eines modernen, pragmatischen, produktiven Liberalismus, der liberale Traditionen der Herrschafts- und Ideologiekritik mit institutioneller Sorge und Regierungsanspruch verbindet, statt sie gegeneinander auszuspielen.
Wir behandeln Menschen als Gestalter, nicht Opfer
„Wer die Menschen liebt, liebt ihre Freiheit, schützt ihre Würde und baut auf ihre Verantwortung“ – dieser Satz aus These 4 ist der emotionale und moralische Kern des Beschlusses. Er wendet sich gegen die Vorstellung, Menschen seien zu schwach, zu bequem oder zu egoistisch, um Verantwortung zu tragen. Menschen, die aufbrechen und aufbauen, gründen, leisten und schaffen wollen, verkörpern die verantwortete Freiheit, die wir meinen.
Wir behandeln Menschen als Gestalter, statt sie als Opfer anzusprechen. Noch nie hatten wir so viel Wissen, so viele Werkzeuge, so viele kreative Menschen. Diese Fülle an Potenzial wollen wir auf menschlichen Fortschritt ausrichten. Nicht Mangel ist unser Problem, sondern sondern das Misstrauen, das uns lähmt, und die Fesseln, die uns illiberale Politik anlegt.
Aufbruch und Aufbau brauchen Zuversicht und Offenheit
Liberale Politik beginnt mit dem Vertrauen in die schöpferische Kraft freier Menschen. Dieses Vertrauen fehlt unserem von Regeln, Bürokratie und ideologischem Moralismus gelähmten Land. Es braucht dringend eine freiheitliche Politik der Mitte, die unser Land befreit und erneuert. Freiheit ist dabei nicht nur Abwehrrecht, sondern Gestaltungsauftrag.
Das ist die Grundidee freier Gesellschaften: Ein Ort, an dem Menschen offen sagen können, was sie denken. Ein Ort, an dem Ideen wetteifern, ohne dass jemand Angst haben muss, dafür ausgeschlossen oder bedroht zu werden. Ein Ort, an dem Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen zusammenarbeiten, um Probleme zu lösen, die sie alleine nie in den Griff bekämen. Und deshalb ein Ort, an dem Menschen sich immer wieder von Zwängen befreien, weil sie bessere Lösungen suchen und erfinden.
Das verlangt nie enden wollende Sisyphos-Arbeit an der richtigen Balance, am produktiven Zusammenspiels verschiedener Freiheiten. Es ist ein historischer Lernprozess, wie wir die Energien freien Handelns in Formen der Verantwortung für freiheitliche Verhältnisse verstetigen können. Sittliche, kulturelle, organisatorische, rechtsstaatliche und institutionelle Bindungen schaffen und schützen Lebenschancen, ohne sie ein für alle mal zu fixieren. Die stete Sorge um die Anpassung gut balancierter Freiheiten macht uns widerstands- und problemlösungsfähig.
Die vier Werkstätten der Freiheit: Wo die Zukunft freiheitlichen Zusammenlebens entsteht
Bereits heute lösen freiheitliche Gesellschaften ihre Probleme auf eine Art und Weise, die Freiheiten schützt, stützt und schafft, statt sie einzuschränken. Aber häufig mehr schlecht als recht: Sie misstrauen, verraten und verhindern das Zusammenspiel von Freiheiten. Die Sisyphos-Arbeit, das Zusammenspiel offener Such-, Lern- und Gestaltungsprozesse zu gewährleisten, ist die historische Aufgabe von Liberalen. Vier Bereiche freiheitlichen Zusammenlebens sind besonders wichtige Werkstätten von Lebenschancen.
Die Liberale Demokratie: Wo Konflikte produktiv werden
Liberale Demokratie ist nicht die Suche nach Harmonie, sondern die Kunst des produktiven Streits. Konflikte werden nicht unterdrückt, sondern nach Regeln ausgetragen. Das macht sie lernfähig, anpassungsfähig und resilient. Konkret heißt das: Mehr dezentrale Beteiligung, weniger Hinterzimmer. Mehr offene Debatten, weniger moralische Überheblichkeit. Mehr Experimente in der Verwaltung, weniger Regelwut.
Die Soziale und Ökologische Marktwirtschaft: Wo Innovationen Wohlstand schaffen
Die Soziale Marktwirtschaft ist keine Ideologie, sondern die erfolgreichste Methode, um aus Ideen Wohlstand zu machen. Fairer Wettbewerb belohnt nicht Privilegien, sondern gelungene Experimente und wünschenswerte Leistungen. Sie schafft nicht nur Profit, sondern Lebenschancen. Wir wollen sie ausbauen zur Sozialen und Ökologischen Marktwirtschaft, weil Freiheit nur auf einer intakten ökologischen Grundlage bestehen kann. Konkret heißt das: Gründungen erleichtern statt erschweren. Wettbewerb fördern statt Monopole schützen. Ökologische Kosten einpreisen statt Verbote erlassen. Innovation ermöglichen statt Besitzstände verteidigen.
Die Offene Wissenschaft: Wo aus Irrtümern Erkenntnisse werden
Wissenschaft funktioniert, weil sie Irrtümer produktiv macht. Sie testet Hypothesen, verwirft Falsches, baut auf Bewährtem auf. Diese Methode der geordneten Offenheit ist der Motor allen Fortschritts. Konkret heißt das: Forschungsfreiheit verteidigen. Technologieoffenheit praktizieren. Evidenzbasierte Politik statt ideologische Scheuklappen. KI-Entwicklung fördern statt fürchten.
Das Freie Europa: Wo Vielfalt Stärke wird
Europa beweist: Unterschiedliche Nationen und Lebensformen können friedlich koexistieren und sogar kooperieren, wenn sie gemeinsame Regeln akzeptieren. Diese Einheit in Vielfalt ist unsere Stärke – gegen autoritäre Einheitssysteme wie China oder Russland. Konkret heißt das: Europa verteidigungsfähig machen. Strategische Souveränität entwickeln. Mit dem Globalen Süden auf Augenhöhe kooperieren. Lernfähigkeit als Wettbewerbsvorteil nutzen.
Verantwortete Freiheit ist Methode und Motor des Fortschritts
An diesen Beispielen wird deutlich: Freiheit ist mehr als ein Recht. Sie ist eine Methode – ein bewährtes Verfahren, Mittel freiheitlichen Handelns auf freiheitliche Zwecke auszurichten. Sie ist die offene, kreative, kritische, konstruktive und experimentelle Art und Weise, wie wir unsere Konflikte austragen, Ideen zu Innovationen machen, Fakten von Fiktionen unterscheiden und unsere Zukunft gestalten.
Freiheit ist dann kein Zustand, sondern ein Prozess – ein ständiges Lernen im Umgang mit Wandel, Unsicherheit und Vielfalt. Die Methode der Freiheit richtet demokratische, wirtschaftliche und wissenschaftliche Such-, Lern- und Gestaltungsprozesse an der Förderung freiheitlichen Zusammenlebens aus. Wenn wir Freiheiten in diesen Prozessen ausüben, üben wir zugleich freiheitliches Zusammenleben ein.
So entstehen Gewohnheiten des freiheitsförderlichen Freiheitsgebrauchs: freiheitliches Recht, Sitten und Institutionen; freiheitsfördernde Organisationen, Öffentlichkeiten und Märkte; und Güter, Dienstleistungen und Ideen, die allesamt das Zusammenleben mündiger Menschen und souveräner Bürger bereichern.
Die Methode der Freiheit ist deshalb ein öffentlicher Feedback- und Lernprozess für Verantwortung. Sie beruht auf Versuch und Irrtum, nicht auf perfekter Planung. Ob mit Worten oder Geld: Freie Menschen geben einander Rückmeldung zu Ideen, Initiativen, Argumenten oder Produkten. So lernen wir, wie sich unser Gebrauch von Freiheiten auf die Lebenschancen von Mitwelt, Umwelt und Nachwelt auswirkt – und was daran wünschenswert oder veränderungswürdig ist.
Da macht die Methode der Freiheit experimentell und evolutionär: Verantwortung, Widerstandsfähigkeit und Fortschritt entstehen dort, wo Menschen Neues ausprobieren dürfen, aus Fehlern lernen, Besseres entwickeln und so Lebenschancen fördern. Freie Gesellschaften schaffen Räume, in denen man Dinge vorläufig testet, ohne gleich alles zu riskieren – in Demokratie, Wirtschaft und Wissenschaft, aber auch in Europa.
Vier Antworten auf illiberale Krisen-Propheten
Unser Papier ist ein Gegenentwurf zu allen aktuellen Krisen-Narrativen:
1. Gegen die Pessimisten: Wir sehen Fülle statt Mangel
Untergangspropheten predigen Verzicht und Schrumpfung, Stillstand und Rückschritt. Wir sagen: Die Menschheit hat noch nie so viele Möglichkeiten gehabt, die Welt besser zu machen. Was fehlt, sind nicht die Ressourcen, sondern der Mut zum Experiment.
2. Gegen die Populisten: Wir trauen Menschen Komplexität zu
Die Populisten versprechen einfache Lösungen für komplexe Probleme. Wir vertrauen auf die Intelligenz mündiger Bürger, die mit Widersprüchen umgehen und aus Konflikten lernen können.
3. Gegen die Technokraten: Bauen von unten statt steuern von oben
Die Technokraten glauben an die perfekte Steuerung von oben. Wir wissen: Die besten Lösungen entstehen dort, wo Menschen selbst ausprobieren können – in geschützten Räumen, mit klaren Regeln, aber ohne Angst vor dem Neuen.
4. Gegen die Autoritären: Wir ermöglichen statt zu kontrollieren
Die Autoritären von links und rechts versprechen Sicherheit und Zusammenhalt durch rigide Kontrolle. Wir meinen: Sicherheit und Zusammenhalt entstehen durch Vertrauen und Verantwortung. Ein Staat, der seinen Bürgern misstraut, macht sie unmündig und klein. Ein Staat, der Freiräume schafft, macht sie stark und groß.
Die Zukunft gehört den Gesellschaften, die ihren Menschen am meisten zutrauen
Die entscheidende Frage des 21. Jahrhunderts lautet nicht: Wer hat die beste Ideologie? Sondern: Wer hat die beste Methode, mit Vielfalt, Komplexität, Unsicherheit und Wandel umzugehen? Es werden die sein, die die Methode der Freiheit perfektionieren:
- Produktive Konflikte statt unterdrückte Widersprüche
- Fairer Wettbewerb statt zentralistische Vorgaben
- Neugierige Experimente statt starre Pläne
- Geordnete Offenheit statt ideologische Geschlossenheit
- Organisierte Vielfalt statt erzwungene Einheit
Unser Auftrag: Der liberale Aufbruch für Deutschland
Deutschland steht an einer Wegkreuzung. Wir können den Weg der Angst gehen – mehr Regeln, mehr Kontrolle, mehr Bevormundung. Oder wir können den Weg der Zuversicht wählen – mehr Vertrauen, mehr Experimente, mehr Verantwortung.
Das ist keine naive Hoffnung. Das ist eine empirisch belegte Erfahrung: Überall dort, wo Menschen Freiräume zum Experimentieren bekommen – in der Wissenschaft, in der Wirtschaft, in der Demokratie – entstehen bessere Lösungen als dort, wo zentral gesteuert und rigide kontrolliert wird.
Unsere Dresdner Thesen sind ein Arbeitsauftrag für eine liberale Politik, die Deutschland aus seiner selbstverschuldeten Lähmung befreit. Wir brauchen keine neue Ideologie. Wir brauchen keine Revolution. Wir brauchen keine technokratische oder autoritäre Führung. Was wir brauchen, ist mehr Vertrauen in die Problemlösungskraft freier Menschen.

