Liberaler Fortschritt heißt frei nach Ralf Dahrendorf und Karl-Hermann Flach „bessere Lebenschancen für mehr Menschen“. Aber in Deutschland macht sich Angst vor der Zukunft breit. Mittlerweile glauben vier von fünf Eltern, dass es der Generation unserer Kinder einmal schlechter gehen wird als uns heute. Höchste Zeit für Liberale, genau hinzuschauen, was bei Lebenschancen richtig und was falsch läuft. Was gehört zu einem leistungsfähigen „Liberalismus der Lebenschancen“?
Warum „Liberalismus der Lebenschancen?“
„Lebenschancen“ sind ein zentrales Thema der FDP. In ihrem Grundsatzprogramm, den Karlsruher Freiheitsthesen, verpflichtet sich die FDP 2012 schon in These 1 auf „Chancenpolitik“ für ein selbstbestimmtes Leben und verantwortungsbewusste Teilhabe in Wirtschaft, Politik und Bürgergesellschaft. Nachhaltiger Fortschritt wird als Fortschritt der Lebenschancen verstanden. Im 2015 verabschiedeten FDP-Leitbild „Mehr Chancen durch mehr Freiheit“ werden Lebenschancen als Zweck liberaler Politik ausgewiesen. Sie sollen mit den Mitteln und Verfahren der Freiheit gewährleistet werden.
Seit mehr als vier Jahrzehnten sind „Lebenschancen“ eine zentrale Idee liberalen Denkens. Schon der Soziologe Ralf Dahrendorf hatte 1979 vorgeschlagen, den Fortschritt der „Lebenschancen“ als den von Liberalen angestrebten Fortschritt zu verstehen – frei nach Karl-Hermann Flachs Motto „Mehr Freiheit für mehr Menschen“ also „bessere Lebenschancen für mehr Menschen“. Ebenfalls 1979 skizzierte der indische Wirtschafts-Nobelpreisträger 1998 Amartya Sen erstmals den „Capability Approach“, zu Deutsch: „Befähigungsansatz“ oder „Verwirklichungschancenansatz“. Armut versteht er als Chancen-Armut und prägte damit seit 1990 internationale Entwicklungsberichte.
Auch die regierende Ampel-Koalition hat sich auf den Fortschritt verpflichtet. Aus liberaler Sicht kann das nur der Fortschritt der Lebenschancen sein. Das sehen Teile der SPD mindestens ähnlich. Auch Teile der Grünen sprechen über Freiheitschancen der kommenden Generation – erst recht nach dem Klimaurteil aus Karlsruhe 2021.
Aber Lebenschancen stehen unter Druck – erst Recht für die Generation unserer Kinder. Unter dem Druck von Veränderungen – etwa des Klimawandels, des Systemwettbewerbs, des demographischen Wandels, der Digitalisierung und Globalisierung – bleibt die Gewährleistung, gar Ausweitung von Lebenschancen keine dauerhafte Errungenschaft innerhalb eines Nationalstaates, sondern bleibende Herausforderung weltweit. Umfragen zufolge glauben vier von fünf Eltern, dass es der Generation ihrer Kinder einmal schlechter gehen wird als ihnen. Aus liberaler Sicht ist das inakzeptabel.
Was sind „Lebenschancen“?
Kurz gesagt, sind Lebenschancen konkrete Freiheiten, die Menschen nutzen können, um ein selbstbestimmtes und gutes, erfülltes Leben führen zu können – sozusagen persönliche, alltägliche, gute Freiheiten. Etwas systematischer gesagt, sind Lebenschancen die Möglichkeiten selbstbestimmten Lebens, die einer Person (a) aufgrund ihrer individuellen Fähigkeiten und (b) der kulturellen und institutionellen Bedingungen in einer Gesellschaft zur Verfügung stehen.
- Einerseits müssen Menschen also „freiheitsfähig“ sein: klug urteilen, kompetent gestalten, eigene Zwecke umsetzen können. Zu diesem Freiheitsvermögen gehören ein entsprechendes Selbstbild und der Willen, Verantwortung für die eigenen Entscheidungen zu übernehmen, aber auch materielle Ressourcen.
- Andererseits braucht es, was der Soziologe Robert K. Merton „Gelegenheits-Strukturen“ nennt. Also bestimmte soziale, kulturelle, wirtschaftliche und politische Bedingungen an Lebenswelt und Lebensort, am Arbeitsmarkt und in der Öffentlichkeit, die sinnvolle Möglichkeiten selbstbestimmten Handelns eröffnen. Ralf Dahrendorf sprach von „Backformen menschlichen Lebens (…), (die) bestimmen, wie weit Menschen sich entfalten können“. Lebenschancen entstünden im Zusammenspiel von Optionen und Bindungen („Ligaturen“) – etwa da, wo grundlegende Freiheitsrechte, öffentliche Infrastrukturen, Bildungsangebote und soziale Absicherung Lebenschancen ermöglichen, aber auch da, wo Sitten und Gebräuche, wirtschaftliche und demokratische Praktiken Selbst- und Mitbestimmung ermutigen.
Lebenschancen sind konkreter und alltäglicher als Freiheitsrechte
Freiheitsrechte sind nach Dahrendorf „der Fußboden“ für Lebenschancen, also: die generelle Grundlage für ein selbstbestimmtes Leben. Lebenschancen machen die Freiheitsrechte konkret und im Alltag erfahrbar. Zum Beispiel wird das Bürgerrecht auf Bildung in den Chancen konkret, eine gute Schule besuchen zu können, in denen es eine Vielzahl von Angeboten zur Entwicklung der eigenen Talente gibt; oder auch in den Chancen, lebenslang lernen zu können, also Ressourcen und Institutionen für Weiterbildung tatsächlich nutzen zu können. Ein anderes Beispiel: Meinungsfreiheit wird erst da konkret erfahrbar, wo niemand Angst haben muss, die eigene Meinung frei zu äußern oder für die eigene Identität verachtet zu werden.
Warum sind Lebenschancen unter Druck?
Unser Land steht unter dem Druck großer Megatrends und Umbrüche:
- im Systemwettbewerb mit illiberalen Regimen,
- im Transformationsdruck des Klimawandels und des Artensterbens,
- unter anhaltendem Vertrauensverlust einer nervösen Bürgerschaft.
- Zugleich macht der demographische Wandel uns älter und bunter;
- die Digitalisierung verändert Arbeitswelt, Geschäftsmodelle und Öffentlichkeit;
- und die Pandemie war ein Stresstest, der uns in den Knochen steckt – auch weil deutlich wurde, dass die Lebenschancen, sich mit der Pandemie zu arrangieren, sehr ungleich verteilt waren
Kein Wunder also, dass Umfragen zufolge vier von fünf Eltern glauben, dass es der Generation ihrer Kinder einmal schlechter gehen wird als ihnen. Aus liberaler Sicht ist das inakzeptabel!
Vorläufige Thesen und Ideen zu einem „Liberalismus der Lebenschancen“
Ein Liberalismus der Lebenschancen weiß, dass Freiheiten nicht einfach nur gegeben, sondern für ein menschenwürdiges und nachhaltiges Zusammenleben aufgegeben und voraussetzungsreich sind.
- Die Freiheit der Lebenschancen bedeutet „nicht nur, seine eigenen Fesseln zu lösen, sondern ein Leben zu führen, das auch die Freiheit anderer respektiert und fördert“ (Nelson Mandela). Ihre Ordnung und Umsetzung ist eine historische und zivilisatorische Errungenschaft in allen Feldern menschlichen Zusammenlebens.
- Eine Partei der Lebenschancen hat nicht nur Aufgaben in Parlamenten, sondern auch Interessen und Positionen zu anderen Feldern freiheitlichen Zusammenlebens: Lebenslanges Lernens, Demokratie als Lebensform, Formen des Wirtschaftens, Rolle der Wissenschaften und Mittel der Lebenschancen-Politik zwischen Moral, Ethik, Kultur und Recht.
Ein Liberalismus der Lebenschancen übersetzt die große Idee der Freiheit in den Alltag freiheitlichen Zusammenlebens.
- Von der Freiheit der Lebenschancen zu sprechen, übersetzt die große Idee der Freiheit in die vielen kleinen Freiheiten, wie sie an Küchentischen und in Kindergärten, im Laden an der Ecke und im Seniorenheim, in Forschungslaboren und Klassenzimmern, in Krankenhäusern und Vereinsvorständen, in kommunalen Parlamenten und Verwaltungen diskutiert und gewährleistet werden.
- Eine liberale Partei der Lebenschancen verfolgt keine ideologischen Ziele maximierter Freiheit, sondern sorgt sich pragmatisch, alltagstauglich und gestaltungswillig um optimale Freiheiten von Kindern, Familien, Bürgerschaft, Arbeiter- und Unternehmerschaft und in Städten, Gemeinden und Regionen – um die Organisation der alltäglichen Verhältnisse und um Projekte, die zum selbstbestimmten Leben ermutigen und ermächtigen.
Ein Liberalismus der Lebenschancen verlangt über optimistischen Individualismus und die Verteidigung der Freiheitsrechte hinaus eine gesamtheitliche Anstrengung.
- Die Freiheit der Lebenschancen setzt auf eine Gesamtanstrengung vieler Baumeisterinnen und Baumeister der Freiheit. Es geht nicht einfach darum, den Einzelnen von Staat und Politik zu befreien, sondern um den Anspruch an mündige Menschen und souveräne Bürger, am je eigenen Ort – vom Klassenzimmer über den Verein und die Glaubensgemeinschaft bis ins Unternehmen, Forschungslabor und das Parlament – einen Beitrag zu konkreten Lebenschancen zu leisten. Die Freiheit der Lebenschancen ist nicht nur ein parlamentarisches, sondern auch ein pädagogisches, wirtschaftliches, wissenschaftliches, kulturelles und moralisches Projekt.
- Eine liberale Partei der Lebenschancen vertritt um der Freiheit der vielen Einzelnen willen Vorstellungen von Gemeinwohl und Gemeinsinn, Pflichten, Tugenden und Verantwortlichkeiten. Sie ist moralisch anschlussfähig, ethisch sprachfähig und kulturell anspruchsvoll. Sie sorgt sich um ökologische, soziale, wirtschaftliche, technologische und globale Faktoren freiheitlichen Zusammenlebens, richtet die Bereiche von Bildung, Wirtschaft, Wissenschaft, Politik, Zivilgesellschaft und Kultur auf bessere Lebenschancen für mehr Menschen aus und misst deren Praxis daran.
Ein Liberalismus der Lebenschancen setzt auf offene Such- und Lernprozesse in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Bürgerschaft und Glaubensgemeinschaft.
- Die Freiheit der Lebenschancen ist die Freiheit, ein nach eigenen Vorstellungen gutes Leben führen zu können. Aber sie erfordert bestimmte Formen guten Zusammenlebens: Anerkennung der Vielfalt der Lebensentwürfe, Interesse an objektiver Wahrheit, Offenheit in Wettbewerb und Kooperation, Freude am Experiment, Kritik und Selbstkorrektur und Verpflichtung auf die Chancen von künftigen Generationen.
- Eine liberale Partei der Lebenschancen weiß nicht alles besser, sondern sorgt dafür, dass wir lernen können, Dinge stets besser machen zu können. Denn welche Freiheiten sinnvolle Lebenschancen sind, kann nicht am grünen Tisch zentral von Ministerien bestimmt werden, sondern muss in vielfältigen Lernprozessen auf der Suche nach dauerhaft besseren Chancen für mehr Menschen dezentral bestimmt werden.
Notizen auf der Basis bisheriger Diskussionen in der FDP und der Kommission Freiheit und Ethik seit 2010 – Dr. Christopher Gohl.

